Der unsichtbare Gast – Oriol Paulo – Filmkritik

unsichtbaregast.jpg

Einleitende Worte

Nachdem ich im – nebenbei bemerkt, wirklich empfehlenswerten – Podcast Nerdtalk die Kritik zu Der unsichtbare Gast hörte, war ich sehr gespannt auf den Film, zumal sich meine Erfahrung mit spanischen Produktionen bisher auf eine recht kleine Auswahl von Filmen beschränkt. Der letzte, den ich sah war der Horrorfilm REC, den ich, am Rande bemerkt, wirklich gut fand. Da Der unsichtbare Gast aktuell in der Flatrate von Netflix enthalten ist, bot es sich geradezu an, ihn einmal anzuschauen.

Der spanische Regisseur Oriol Paulo, der mir, wenn ich ehrlich bin, bisher unbekannt war, schrieb das Drehbuch und führte Regie bei diesem 110 Minuten langen, 2016 erschienenen, Thriller. Mario Casas, Ana Wagener, José Coronado und Barbara Lennie spielen die Protagonisten.

Handlungszusammenfassung

Der erfolgreiche Unternehmer Adrian (Mario Casas) wird desorientiert von der Polizei in einem Hotelzimmer aufgefunden. Neben ihm seine Geliebte Laura (Bárbara Lennie), brutal erschlagen. Die Türkette ist vorgelegt, Adrian allein im Zimmer, alle Indizien sprechen gegen ihn, er plädiert allerdings äußerst überzeugend darauf, unschuldig zu sein. Nach der Festnahme durch die Polizei sucht er sich Hilfe bei der berühmten Staranwältin Virginia Goodman (Ana Wagener), die mit diesem Fall ihren letzten großen Coup vor ihrer Pensionierung landen möchte.

Die Anwältin versucht mit recht unkonventionellen und harschen (Verhör-)Methoden die konkreten Abläufe der Tatnacht aus Adrian herauszubekommen. In Rückblenden erfährt der Zuschauer Stück für Stück den Gang der Ereignisse, der in die gegenwärtige Situation geführt hat. Dieser weist allerdings teils mehrmals starke Abweichungen auf, je nach gerade erzählter Version. Mit der Zeit fügen sich jedoch die einzelnen Teile zu einem größeren Ganzen zusammen.

Es ist schwierig, hier nicht zu viel zu verraten, deshalb möchte ich in dieser Rezension weitestgehend vermeiden, auf den Inhalt der Rückblenden einzugehen.

Der Trailer

Rezension

Der erste Gedanke, der mir nach der Sichtung dieses Films in den Sinn kam: Im Grunde ist es ein mentales Schachspiel. Ein Spiel zwischen ungefähr gleich starken Gegnern, das jederzeit durch ein geschicktes Manöver beendet werden kann. An beiden Seiten des Tisches sitzen Adrian und Virginia und anstatt Figuren auf einem Brett zu verschieben um die strategische Hoheit zu gewinnen, nutzen sie Worte, Erklärungen, Aussagen, Details.

Die Phasen des Films sind ebenfalls dieselben wie beim Schach: Das Verhör beginnt mit einer recht unspektakulären Exposition, mit einer Klärung der offensichtlichen Tatsachen. Danach beginnen beide Spieler durch Analyse von Details, die durch wunderbar inszenierte Rückblenden visualisiert werden, eine zunächst sanfte Konfrontation, die mit der Zeit immer härter wird. Vom spannend inszenierten Matt am Ende der Partie möchte ich hier natürlich nichts verraten.

Die Rückblenden sind der zweite Clou. Während des Verhörs erfährt der Zuschauer die vermeintliche Wahrheit des Tathergangs und der vorhergegangenen Ereignisse, kann sich aber niemals sicher sein, ob er hier nicht einer geschickt konstruierten Lüge aufsitzt. Dieses Spiel zwischen Lüge und Wahrheit wird bis zum Ende auf einem konstant hohen Niveau gehalten, sodass es als Zuschauer schwierig ist, sich eine abschließende Meinung zum Tathergang zu bilden. Das Rätselraten, das Kombinieren, macht Spaß bis zuletzt.

Auch die visuelle Gestaltung ist für einen Thriller mit der Thematik angemessen düster, es gibt recht viele Nahaufnahmen um die Mimik der Schauspieler zu unterstreichen, gerade in der Verhörsituation zwischen Virginia und Adrian.

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten und so hat auch der unsichtbare Gast einige Schwachpunkte. Womit ich am wenigsten warm geworden bin ist hier der Schauspieler des Protagonisten Adrian. Er wirkt an vielen, vor allem sehr emotionalen Stellen des Films, geradezu unterkühlt, die Mimik stets etwas distanziert, es ist als Zuschauer äußerst schwer ihn zu lesen. Mag sein, dass es sich hierbei um ein Stilmittel handelt, denn für Virginia ist Adrian anfangs sicher ein ebenso verschlossenes Buch. Trotzdem hätte ich mir wenigstens in den Rückblenden etwas mehr Minenspiel, etwas mehr Ausdruck, gewünscht.

Der zweite Kritikpunkt sind die (leichten) Logiklücken in der Handlung, insbesondere am Anfang der Rückblenden. So viel sei gesagt ohne zu viel zu verraten: Auslöser der Ereignisse ist ein, von einem über die Straße laufenden Hirsch, verursachter Autounfall. Ein Unfall, der ohne menschliches Zutun, ohne wirkliche Schuld, ausgelöst wurde. Aber statt Polizei und Notarzt zu rufen werden hier stattdessen sehr fragwürdige Maßnahmen ohne eine wirkliche Not getroffen. Unverständlich, zumindest für mich. Von diesen Lücken gab es im Laufe der Handlung zwei bis drei, allerdings waren sie durchaus verschmerzbar.

Man ahnt es schon anhand der Rezension, mein persönliches Fazit für diesen Film fällt bis auf die kleinen Mankos positiv aus. Es gibt zwei, drei kleine Logiklücken in der Handlung, das Ende wirkt ein wenig zu konstruiert und der in den meisten Teilen des Films recht unbewegt dreinschauende Hauptdarsteller ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber das sind wirklich nur kleine Kritikpunkte, wenn man den puren Unterhaltungswert dieses Thrillers zugrunde legt. Wie elegant im Rahmen des Verhörs die Details zu einem größeren Ganzen zusammengefügt werden, wie wunderbar geschickt eingewoben kleine Details in den Rückblenden immer wieder abweichen. Nicht zu vergessen, dass Bárbara Lennie als Laura Vidal hier eine wirklich wunderbare Performance als Femme Fatale abliefert, ihr kritischer Blick in die Kamera allein hat schon einen großen Schauwert.

So bekommt Der unsichtbare Gast von mir insgesamt 8 von 10 möglichen Punkten.

Referenzen

Der unsichtbare Gast auf Netflix

Kritik von NerdTalk

Freitags-Special: Kreative Ideen in Buch und Film

Bücher wie Filme laden zum Träumen ein, dazu, sich in fremden Welten zu verlieren. Und oftmals lassen Autoren und Regisseure Ideen einfließen, die den Leser in ihrer Schönheit, Kreativität und gesellschaftlichen Tragweite einfach staunend und überwältigt zurücklassen. Ist Film oder Buch wirklich gut, finden sich gern auch mal mehrere dieser originellen Einfälle.

Ich werde versuchen, hier jeden Freitag eine kleine oder größere dieser Ideen herauszusuchen und vorzustellen. Das können ebenso interessante Gesellschaftsentwürfe, verrückte Transport- und Kommunikationssysteme, eine neue Deutung der Quantenphysik sein wie ein ausgefallenes Magiekonzept oder ein originelles Verständnis von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Beginnen möchte ich diese Reihe mit einer Idee, die mich aufgrund ihrer schieren Größe einfach überwältigt und beeindruckt hat. Dan Simmons ist einer meiner Lieblingsautoren, vor allem weil er immer wieder verrückt anmutende Einfälle in seine Romane einbaut. Dieser hier stammt aus seinem Roman Ilium:

iliumsimons

Der transatlantische Grabenbruch

Da Simmons hier naturgemäß viel bessere schriftstellerische Fähigkeiten an den Tag legt als ich es selbst jemals könnte, möchte ich ihn hier zitieren:

„Falls ihr den Bruch noch nie gesehen habt: Schon vom Ufer aus ist er ein faszinierender Anblick. Er ist ungefähr 80 Meter breit – eine Spalte, die nach Osten führt, so weit das Auge reicht, und zum Horizont hin immer schmaler wird, bis sie an der Linie, wo Meer und Himmel aufeinander treffen, nur noch ein heller Strich im Wasser ist. […]

Bereits nach zehn bis zwölf Metern reichen einem die abgeschnittenen Wasserwände links und rechts weit über den Kopf. Schatten bewegen sich darin. In der Nähe der Barriere zwischen Luft und Wasser sieht man kleine Fische schwimmen, dann den Schatten eines Hais, dann das fahle Leuchten gallertartiger, schwebender Gebilde, die man nicht richtig identifizieren kann. […]

Ein, zwei Kilometer vom Ufer entfernt ragt das Wasser so weit empor, dass der Himmel droben dunkler wird. Etwa zwanzig Kilometer weit draußen sind die Wasserwände zu beiden Seiten über dreihundert Meter hoch. In dem schmalen Stück Himmel, das man noch sieht, kommen selbst bei Tageslicht die Sterne heraus.“

„ – Dan Simmons, Ilium, S. 49

grabenbruch.jpg
Die Weite des Atlantik – ohne Grabenbruch

Es handelt sich also um eine unsichtbare Barriere, ein Kraftfeld, das die Wassermassen des Atlantik zurückhält, sodass man in der Theorie, mit genug Zeit und Verpflegung, von der Ostküste Nordamerikas bis nach Spanien wandern(!) kann, während links und rechts des Weges das Wasser Kilometer hoch aufragt und schon bald alles Licht schluckt.

Jetzt könnte man sich fragen, warum solch ein Konstrukt erschaffen werden sollte. Die größere Faszination allerdings liegt wohl darin, sich bloß vorzustellen, die ersten vorsichtigen Schritte zwischen die Wände aus Wasser zu setzen. Und zu hoffen, dass die stützenden Kraftfelder nicht nachgeben, wenn man gerade auf halbem Wege nach Nordamerika ist.

Die Krone der Sterne – Kai Meyer – Buchkritik

kronedersterne.jpg

Einleitende Worte

Die Krone der Sterne war mein erster Roman von Kai Meyer, weder habe ich die allseits bekannten und gelobten Wellenläufer gelesen noch eine seiner anderen zahlreichen Geschichten. Meine Voreingenommenheit hielt sich also in Grenzen, als ich begann, Die Krone der Sterne zu lesen. Nun, nicht ganz, denn der Klappentext hat durchaus das Potenzial dem Science-Fiction-Fan und begeisterten Leser großer Space Operas einen mentalen Freudenschrei zu entlocken. Die vielen positiven Kritiken nach Erscheinen taten ihr Übriges, die Begeisterung noch zu steigern.

Ja, die Krone der Sterne ist eine klassische Space Opera, erschienen im Fischer|Tor Verlag und kommt auf gute 460 Seiten. Viel Lesestoff also für den geneigten Science-Fiction-Nerd. Gepriesen als groß angelegte Space Opera oder auch vom Verlag als „Space Fantasy“ beworben hat dieses Buch mit seinem wirklich schön gestalteten Cover meine Aufmerksamkeit erregt.

Wenn es ein Subgenre der Science-Fiction gibt, das einlädt zum Träumen, zum Nachdenken über große Zukunftsvisionen, zum grenzenlosen Eskapismus in eine andere Welt, dann ist es wohl das der Space Opera. Aus genau diesen Gründen schätze ich dieses Genre und aus genau diesen Gründen haben die Hyperion-Gesänge von Dan Simmons, die Romane des genialen Isaac Asimov oder der Kultur-Zyklus von Ian Banks bei mir großen Eindruck gemacht. Ebenso wie die Star Wars Filmreihe und Star Trek (ja, es ist durchaus möglich beides zu mögen ohne sich innerlich zu zerreißen ;-))

Umso mehr stieg also die Spannung, als ich die ersten Seiten aufschlug und begann, die Krone der Sterne zu lesen.

 

Handlungszusammenfassung

Das galaktische Reich Tiamande. Nachdem der unnachgiebige Maschinenherrscher in einer Rebellion gestürzt wurde, haben die Hexen des Kamastraka-Ordens die Herrschaft übernommen, angeführt von der geheimnisvollen Gottkaiserin. Die Hexen beziehen ihre Macht, eine nahezu magische Energie, aus der Strahlung eines schwarzen Lochs, das vor langer Zeit einmal die Galaxis durchquerte. Die Hexen herrschen mit ebenso großer Härte wie der gestürzte Maschinenherrscher, sie verboten alle Formen der künstlichen Intelligenz und bauten gewaltige Raumschiffe, deren visuelle Merkmale an diejenigen gotischer Kathedralen erinnern.

Die adelige Tochter eines recht unbedeutenden lokalen Herrschers aus den abgelegenen äußeren Baronien, Iniza, wird als Braut der Gottkaiserin ausgesucht und unter Zwang gemeinsam mit ihrem Leibwächter und heimlichen Geliebten Glanis auf einem Raumschiff in Richtung der Thronwelt der Kaiserin verbracht. Bei ihrem gemeinsamen Versuch zu fliehen treffen sie Kranit, einen gealterten Kopfgeldjäger und Shara Bitterstern, eine sogenannte Alleshändlerin, Schmugglerin wäre ein ebenso passender Begriff, und werden von diesen bei ihrem Vorhaben, Iniza in Sicherheit zu bringen, unterstützt.

 

Rezension

Wer hat beim Lesen der kurzen Handlungszusammenfassung Lust auf das Buch bekommen? Gottkaiserin, Maschinenherrscher, Hexenorden, Rebellion? In Raumschiffen. die aussehen wie gotische Kathedralen? Immer her damit! So ging es mir jedenfalls, groß angelegte und gut ausgearbeitete Welten entfesseln ihre ganze eigene Faszination und diese Welt klingt auf den ersten Blick einfach großartig.

Jetzt kommt leider das große „Aber“, die große Enttäuschung und es tut fast leid, es so zu schreiben, denn alles klang so vielversprechend: Die Ausgestaltung des Romans ist an vielen Stellen leider einfach nur schlecht, die Details vollkommen vernachlässigbar, manchmal kaum vorhanden. Das auf den ersten Blick großartig klingende World-Building nutzt sein Potenzial kein bisschen, mehr als die von mir in einem kleinen Absatz zusammengefassten Informationen erhalten wir im gesamten Buch nicht über die Welt, über das große Ganze.

So viel zur Enttäuschung über die, auf den ersten Blick so vielversprechend wirkende, Welt von Tiamande. Die Ansätze sind da, sie klingen so gut und als Leser möchte man geradezu schreien „Gib mir mehr davon!“, Meyer allerdings weigert sich beharrlich, weitere Informationen zu liefern.

Stattdessen wagt der Autor mit vollen Händen den Griff in die prall gefüllte Stereotypen-Kiste der Weltraumopern. Da wären:

  • Iniza, die klassische Weltraumprinzessin, muss sich von ihrem Geliebten, der gleichzeitig ihr Leibwächter ist, des Öfteren retten lassen
  • Shara Bitterstern, der Prototyp eines weiblichen Han Solo
  • Kranit, der weise Mentor mit der geheimnisvollen Krieger-Ausbildung, der auf fast jede Frage eine Antwort weiß
  • Glanis, der Leibwächter-Geliebte, der nicht viel sagt und nicht viel tut, außer Iniza zu retten

Wer sich hier verwirrt die Augen reibt, weil Vieles so bekannt vorkommt, der wird sich über den weiteren Verlauf der Handlung noch wundern. Auf größere Spoiler soll hier aber natürlich verzichtet werden. Noch zu erwähnen ist vielleicht, dass die Schmugglerin Shara das schnellste Raumschiff in der Galaxis fliegt, dessen Äußeres unscheinbar und heruntergekommen wirkt, das aber jedes imperiale… oh sorry, falsche Welt… jedes Schiff der Gottkaiserin abhängen kann.

Die Vermeidung von Klischees ist gerade in der Genre-Literatur nicht immer möglich, ja auch gar nicht zwingend, denn wenn sie kreativ kombiniert werden, dann können Stereotype dem Leser durchaus eine gewisse Heimat bieten, die Möglichkeit einer außergewöhnlichen Geschichte in einer fremden Welt etwas besser zu folgen. Kommen allerdings zu viele Klischees zusammen, dann wirkt es als wäre die Geschichte lieblos aus dem großen Lego-Baukasten der Literatur zusammengebaut worden.

Nun, die Stereotypen und die detailarme Welt würde man als Leser vielleicht verzeihen, wenn denn die Charakterzeichnung, die Ausarbeitung der einzelnen Motive der Charaktere gut dargestellt wäre, wenn der Leser die Emotionen, Ängste und Ziele der Protagonisten mitfühlen könnte. Nur leider kann er es nicht, ganz und gar nicht. Alle Charaktere bleiben flach und eindimensional. Shara ist getrieben vom Wunsch nach Heimat, Kranit ist seit einem Vorfall ein gebrochener Mann und Iniza möchte ihr Leben einfach nur in Ruhe mit Glanis verbringen. So viel zu den Beweggründen. Nein, mehr kommt nicht.

Kann wenigstens die Handlung überzeugen? Nein, kann sie nicht. Das Adjektiv, dass dieser Handlung am besten gerecht wird, mag vielleicht belanglos sein. Möglicherweise auch unoriginell. Es ist nicht zu viel verraten: Die drei fliehen, treffen jemanden, der ihnen helfen kann, fliehen wieder, treffen noch jemanden, bevor es zum „großen Finale“ kommt. Naja, auch dessen Ausgang kann man sich als geneigter Science-Fiction-Fan schon denken.

So traurig es ist, aber für die Krone der Sterne bleiben von meiner Seite aus nur 3 von 10 möglichen Punkten übrig. Zu flach die Charaktere, zu groß der Griff in den Science-Fiction-Baukasten, zu belanglos die Handlung. Das können auch die guten Ideen beim Entwurf der Welt, der Hexenorden, der Maschinenherrscher nicht wieder wettmachen. Dafür wird einfach zu wenig von der Welt beschrieben. Schade, wirklich schade.

 

Referenzen:

Weltenflüstern-Podcast mit positiverer Gesamtwertung, aber ähnlichen Kritikpunkten

Was die Space Opera so besonders macht (Englisch)

 

Der Serienmittwoch – Aktuelle Serienempfehlungen

Ich bin gerade über den Serienmittwoch von Corlys Lesewelt gestolpert und möchte hier nun auch meine drei ganz persönlichen Serienempfehlungen aussprechen.

Allerdings sei dazu gesagt, dass es sich hierbei um meine aktuelle Watchlist handelt und ich noch nicht jede Folge der aufgeführten Serien gesehen habe. Schlechte Enden und enttäuschende, vorhersehbare Twists sind also durchaus möglich und werden aus diesem Grunde hier noch nicht mit in die Wertung einbezogen.

The Expanse (Genre: Science Fiction)

Warum?

Ein innerlich zerrissener Detektiv mit unkonventionellen Methoden, der eine verschwundene Frau sucht. Ein klassisches Motiv aus dem Film Noir.

Verschiedene Fraktionen in der Zukunft, die sich im Kampf um Ressourcen, Macht und die politische Vorherrschaft durch Intrigen und handfeste Auseinandersetzungen gegenseitig versuchen zu übervorteilen.

Man kombiniere Beides und erhält eine ziemlich spannende Serie, die allerdings ein wenig Anlaufzeit braucht um ihr Potential voll zu entfalten.

Gibt es bei Netflix.

 

The Affair (Genre: Drama)

Warum?

Mittlerweile bereits in der dritten Staffel erzählt „The Affair“ auf dramatische und recht unkonventionelle Weise die Geschichte um die inneren Konflikte des Schriftstellers Noah Solloway und einiger mit ihm in Verbindung stehender Personen.

Noah schleppt eine ganze Palette von Problemen mit sich herum: Die Ehe mit seiner Frau läuft nicht mehr rund, die Beziehung zu seinem Schwiegervater ist äußerst schlecht und er befindet sich in einer veritablen Midlife-Crisis, die er mit einer Affäre zu überbrücken versucht.

Spannend inszeniert sind vor allem die unterschiedlichen Erzählweisen, die Kamera folgt nämlich immer einem der Protagonisten und zeigt damit ziemliche Diskrepanzen in der Wahrnehmung der jeweiligen Personen auf.

Gibt es bei Amazon Prime in der Flatrate.

 

The OA (Genre: Drama, Mystery)

 

Warum?

Hier muss ich gestehen, dass ich bisher nur die ersten vier Folgen gesehen habe und ein wenig hin- und hergerissen bin mit meiner Empfehlung. Könnte also sein, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehne.

Pro: Die Geschichte ist wahnsinnig gut inszeniert, die langsame und sanfte Kameraführung lässt der Handlung und den Charakteren wirklich Zeit sich zu entfalten, die Protagonistin ist wirklich ganz fantastisch und hat mich direkt überzeugt.

Contra: Ab dem Ende der vierten Folge wurde es schon sehr schwurbelig-mystisch, was mir persönlich überhaupt nicht gefallen hat. Nahtoderlebnisse als großes Thema einer Serie zu setzen finde ich äußerst spannend, dieses Thema aber religiös zu verbrämen ist in meinen Augen ein ziemlicher Fauxpas. Nun steht und fällt es mit der Inszenierung der nächsten Folgen.

Gibt es bei Netflix.

 

 

 

 

 

 

The Zero Theorem – Filmkritik

The Zero Theorem - Plakat

Einleitende Worte

Das Science-Fiction-Drama The Zero Theorem aus dem Jahre 2013 mit Christoph Waltz in der Hauptrolle hat das Potenzial, den Zuschauer tief und intensiv in seinen Bann zu ziehen und ihn dann nachdenklich und etwas deprimiert zurückzulassen. Er gehört zu genau der Art von Filmen, die sich vom nahezu omnipräsenten Wohlfühl-Mainstream-Kino erfrischend unterscheiden. Was diesem natürlich nicht seine Berechtigung absprechen soll, aber ab und an sind tiefgründige Dramen eine willkommene Abwechslung.

Terry Gilliam – ja, genau, der Mann von Monty Python – führte hier Regie wie auch im ebenfalls in einer düsteren Zukunft angesiedelten 12 Monkeys mit dem sich The Zero Theorem wohl am ehesten vergleichen lässt. Nun ja, nicht ganz, denn im Gegensatz zu 12 Monkeys geht es hier gar nicht so sehr um klassische, dystopische Motive.

Dystopien neigen oft dazu, die Wirtschaft für Umweltkatastrophen (Okja), die Politik oder Technologie für gesellschaftliche Entgleisungen (Snowpiercer) verantwortlich zu machen. Nicht so The Zero Theorem. Hier ist es das Universum, das sich gegen die Menschheit verschworen hat und der Mensch als Solcher, der sich eine Gesellschaft konstruiert hat, die in eine nahezu wahnhafte Aktivität verfallen ist. Ein Film also wie gemacht für das vor Betriebsamkeit überbordende 21. Jahrhundert, das Zeitalter von medialer Reizüberflutung und zu wenig Schlaf.

 

Trailer:

 

Handlungszusammenfassung

Im Wesentlichen dreht sich die gesamte Handlung darum, wie der exzentrisch wirkende Mathematiker Qohen (gespielt von Christoph Waltz) versucht, eine Gleichung zu lösen, die das endgültige Schicksal des Universums enthüllen soll.  Er arbeitet als „Entity Cracker“ oder „Entitätenknacker“ für eine IT-Firma und seine Aufgabe besteht darin, in einer visuellen Abstraktion einer mathematischen Formel, die von ihrer Ästhetik ein wenig an ein Computerspiel erinnert, Würfel an die richtige Stelle einzufügen ohne das gesamte Theoriegebäude einstürzen zu lassen. Auf diese Art soll er das namensgebende „Zero Theorem“ lösen, eine Art Weltformel, die das Ende des Universums vorherzusagen verspricht.

Auf dem Weg zur Lösung dieser Gleichung begegnet Qohen auf einer After Work Party neben dem Leiter der Firma, der nur als Management vorgestellt wird (Matt Damon), der verführerisch wirkenden Bainsley (Mélanie Thierry) sowie dem intelligenten Bastler Bob (Lucas Hedges), die ihn nach anfänglichen Differenzen bei seiner Aufgabe unterstützen. Zwischen den Dreien entspinnt sich ein interessantes Beziehungsgeflecht.

 

Rezension

Kurzum: Dieser abgedrehte, verrückte, visuell an manchen Stellen doch ein wenig anstrengende Film, schafft es, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Er funktioniert auf ganz verschiedenen Ebenen, neben der interessanten Charakterzeichnung von Qohen gibt es da die Beziehungen der Protagonisten untereinander oder den Entwurf einer Gesellschaft, die keinen Stillstand, keine Ruhe zu dulden scheint.

Beginnen wir mit Qohen. Der ohne Zweifel hochbegabte Mathematiker wohnt in einer alten, von Kerzenleuchtern erhellten Kirche, welche sein ganz persönliches Refugium in der lauten, unnachgiebigen Welt zu sein scheint. Er ist stark introvertiert, genießt seine Ruhe, meidet Aufregung wo er kann, wirkt insgesamt mit seiner dunklen, auf Unauffälligkeit bedachten Kleidung inmitten einer Welt, die von Farben und Lichtern nur so überladen ist, ziemlich fehl am Platze, ja stets ein wenig überfordert mit den vielen äußeren Reizen, die auf ihn einprasseln, sobald er das Haus verlässt.

Qohen spricht niemals in der ersten Person Singular von sich, sondern stets in der Zweiten, aus „Ich“ wird „Wir“ und der Zuschauer fragt sich bis zuletzt, wer denn der geheimnisvolle Andere ist, dem Qohen anscheinend in seinem Geist Zuflucht bietet. Christoph Waltz spielt diesen verschroben wirkenden Charakter in einer noch seltsamer wirkenden Welt einfach nur großartig, hierfür ein großes Kompliment.

Die Zivilisation in diesem Film scheint verrückt geworden zu sein, scheint nach rastloser Aktivität, nach grellen Farben, nach Parties und gehetzter, oberflächlich-hedonistischer Lebensfreude nur so zu schreien. Großartig inszeniert scheint die Tür der Kirche, in der Qohen wohnt, eine Pforte zu sein, ein Übergang der Ruhe in die gehetzte Aktivität. Ist diese geschlossen, ist es im Innenraum von Qohens Heim still, ruhig, es breitet sich durch die hohen Decken und aufgestellten Kerzen eine äußerst entspannte Atmosphäre aus. Wird die Tür allerdings geöffnet, dringen die Stimmen hunderter Menschen, der Lärm der Autos, die ganze Stadt unnachgiebig in den großen Raum hinein.

Die Arbeitsbedingungen, unter denen Qohen zunächst seine Aufgaben ausführen muss, muten schrecklich an. Erzwungenes Multitasking, ständiger Lärm, viele Menschen die ihn rücksichtslos bei seiner Arbeit unterbrechen. Gerade als ebenfalls eher introvertierter Zuschauer steigt mit jeder Minute die innere Nervosität, wenn man gezwungen ist sich in diese Umgebung hineinzudenken.

Die attraktive Bainsley stellt den Gegenpol zu Qohen dar. Ist Letzterer nachdenklich, introvertiert und tiefgründig, strahlt sie eine geradezu kindlich-naive Offenheit gegenüber ihren Mitmenschen aus. Dieser große Gegensatz macht ihrer Beider Beziehung hochinteressant und bietet viel Raum für eine spannende Charakterentwicklung, welche der Film auch ausnutzt.

Daneben bleibt der intelligent-erfinderische Bob, der nach kurzer anfänglicher Skepsis beginnt Qohen zu unterstützen fast ein wenig blass, wenngleich nicht weniger sympathisch.

Die Alpträume der Leere, des düsteren schwarzen Lochs, die den Protagonisten des Nachts aus dem Schlaf hochschrecken lassen, sind kraftvoll inszeniert und visuell beeindruckend. Es lässt sich sowohl als Metapher der vielen Ängste verstehen, die Qohen mit der Zeit entwickelt hat, als auch im Rahmen der Big Crunch-Hypothese als tatsächlich mögliches Ende des Universums und damit des menschlichen Lebens und der Zivilisation.

Übrigens auch erwähnenswert, dass eine herrlich überdrehte Tilda Swinton in Form einer Psychotherapeuten-Software – ja, richtig gelesen, menschliche Psychotherapeuten scheinen in dieser seltsamen Zukunftsvision obsolet zu sein – in The Zero Theorem auftritt.

Einzig das Ende ist unverständlich kurz und wirkt konstruiert. Besonders das Ende nach dem Ende – und wer den Film gesehen hat weiß sicher, was ich meine – weist doch eine ziemliche logische Lücke auf. Alles in Allem halte ich dies aber als einziges Manko in Anbetracht des großartig entworfenen Protagonisten und der wunderbaren Gesellschaftskritik für verschmerzbar.

Man fragt sich den gesamten Film über, wer hier eigentlich verrückt ist: Der brilliante, introvertierte Qohen, oder die Welt vor der Tür seiner Kirche, die sich anscheinend keinerlei Rast erlauben möchte. Und man fragt sich, ob man nicht doch den Einen oder Anderen metaphorischen, kritische Querverweis bei der Sichtung des Films übersehen hat, gerade in Bezug auf das alles verschlingende schwarze Loch oder der seltsam anmutenden Selbstbezeichnung Qohens als „Wir“. Eine Zweitsichtung schadet auf jeden Fall nicht.

Insgesamt ein großartiger Film, der durch seinen Protagonisten, die zum Nachdenken anregende Geschichte und vor allem dem Entwurf seiner Welt 8 von 10 Punkten verdient. Den leichten Abzug in der Gesamtwertung macht das seltsam konstruiert wirkende Ende aus, das allerdings dem Gesamterlebnis keinen Abbruch tut.

 

Weiterführende Links

Eine Erklärung der „Big Crunch“-Hypothese im RaumZeitWeb

Kritik von VERfilmt & ZERlesen

„Der dunkle Turm“ – zweiter Trailer

Der zweite Trailer der kommenden Dark Tower Verfilmung ist gestern veröffentlicht worden und nach dem Anschauen gibt es für mich als bekennenden Fan der Buchserie doch schon Anlass für ein sorgenvolles Kopfschütteln.

Die visuelle Ästhetik erinnert viel zu sehr an eine etwas düstere DC-Comic-Verfilmung als an den Western im Stile der Filme von Sergio Leone, dessen Stimmung zumindest der erste Roman „schwarz“ beim Lesen erzeugt. Die gesamte Inszenierung kommt mir viel zu „polished“, viel zu geschliffen, viel zu wenig schmutzig vor. Dasselbe generische CGI, das man schon tausende Male im Kino gesehen hat. Wo ist das zerfallende Mittwelt, wo sind die Ströme von Blut, die Roland auf seiner Pilgerfahrt zum Turm hinterlässt?

Große Sorge, dass dem Produzenten Sony wohl doch leider die Verankerung im Mainstream wichtiger zu sein scheint als eine akkurate Umsetzung des Stoffes, die auch Fans der Bücher überzeugen könnte.

Es handelt sich aber natürlich erst einmal nur um den Trailer, bleibt zu hoffen, dass der endgültige Film von diesem in positiver Weise abweicht.