Freitags-Special: Was Liebe und Gravitation verbindet

Wissenschaft und Liebe?

Während es im letzten Beitrag düster und deprimierend zuging, wird es im heutigen Freitags-Special ganz wohlig-gefühlig, geradezu emotional. Denn es geht um die Liebe, um diese eine große Emotion, deren genaue Definition sich seit Jahrhunderten der menschlichen Erkenntnis entzieht. Es wurden sicher schon tausende Seiten Text gefüllt, unzählige Bücher über dieses Thema geschrieben, zahllose Filme gedreht und trotzdem weigert sich die Liebe beharrlich, sich unserem menschlichen Erkenntnishorizont zu öffnen. Kein Neurowissenschaftler dieser Welt kann erklären, wie Liebe funktioniert. Zuneigung: Spiegelneuronen und Ocytocin, Verliebtheit: Dopamin. Liebe? Eine echte, tiefe Bindung zwischen zwei Menschen? Unmöglich, solch ein komplexes Phänomen zu entwirren.

Der geneigte Leser mag verwirrt die Nase rümpfen: Was hat die Liebe hier im Nerd-Feuilleton zu suchen? Was gibt es da zu analysieren, zu systematisieren, wo bleiben bei dem Thema die Drachen und Raumschiffe, die Naturwissenschaft und das kritische Denken? Tatsächlich gibt es jemanden, der es geschafft hat, sich einer so tiefen Emotion wie der Liebe auf dem wissenschaftlich-kritischen Weg anzunähern, sogar unter Einsatz sehr vieler Elemente aus der klassischen Science-Fiction. Jemanden, der Raumschiffe, eine Erweiterung von Einsteins Relativitätstheorie und die Zukunft der Menschheit nutzt, um sich mit dem Thema Liebe zu beschäftigen. Der Liebe als Haupttriebfeder seiner Handlung verwendet ohne auch nur an einer Stelle kitschig zu sein. Und das alles durch das Medium des Films: Wer könnte es anders sein als Christopher Nolan, seines Zeichens einer der von mir am Meisten geschätzten Regisseure.

Nolan schafft es, monumentale Welten zu kreieren und Geschichten, die auf den ersten Blick verworren scheinen, sich aber in geradezu archäologischer Manier Schicht für Schicht auseinanderdividieren lassen und zumeist einige sehr interessante Gedankengänge offenbaren. Und er beschäftigt sich mit großen Themen. Gerade Inception und Interstellar regen sehr zum Nachdenken an und Letzterer schafft das Kunststück, auf das ich in diesem Beitrag eingehen möchte: Interstellar zeigt die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter, die nicht nur unabhängig ist vom Raum, sondern ebenso unabhängig von der Zeit. Unabhängig von den Grenzen, die die Naturwissenschaft uns auferlegt.

interstellar-farmhaus
Cooper und seine Tochter Murphy

An dieser Stelle sei eine Warnung angebracht, wir erreichen den Point-of-no-Return:

Dieser Beitrag legt das Ende des Films Interstellar von Christopher Nolan offen. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte dies schleunigst nachholen und kann dann beruhigt mit der Lektüre beginnen.

 

Murphy, Cooper und der geheime Plan der NASA

Rollen wir es von vorn auf, auch wenn die Handlung wahrscheinlich gemeinhin bekannt und zu komplex für ein paar Zeilen ist: In der Welt von Interstellar ist die Menschheit dem Untergang geweiht. Durch eine Klimaveränderung kann landwirtschaftlich kaum noch etwas angebaut werden. Mais, als einzige Pflanze noch wirklich ertragreich, wird mittlerweile großflächig von einem Parasiten befallen. Cooper, seines Zeichens Ingenieur und Testpilot für die NASA zieht seine Tochter Murphy und seinen Sohn Tom alleine groß, nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist.

Murphy und Cooper verbindet ein sehr starkes emotionales Band miteinander, eine enge Beziehung zwischen Vater und Tochter. Cooper bekommt die Chance, für die NASA an einem Projekt teilzunehmen, das die Menschheit zur Kolonisierung auf eine zweite Erde bringen soll – vorgeblich. Cooper macht sich mit einem Team von Astronauten auf den Weg in Richtung eines Sonnensystems, in dem habitable Planeten vermutet werden. Die genauen Details lasse ich hier aus Komplexitätsgründen offen.

Und nun kommt das Ende, dieses Ende, welches sehr nachdenklich stimmt und irgendwie eine wunderbar lebensbejahende Botschaft in sich trägt: Nachdem Cooper sich auf dramatische Weise – durch den Flug in ein schwarzes Loch – opfert, um der Menschheit den Weg zu einer neuen Heimat zu ebnen, scheint er nicht, wie erwartet, dem Tode entgegen zu dämmern. Stattdessen findet er sich in einer seltsamen Spiegelwelt wider, in der er seine Tochter sieht. Seine Tochter in jungen Jahren, seine Tochter als Erwachsene. Er scheint sich in einer Dimension zu befinden, in der Zeit und Raum wie wir sie kennen nichts weiter sind als Stufen auf einer kleinen Leiter.

gargantua
Das schwarze Loch Gargantua: Wie viel Mut  es wohl erfordert, den Ereignishorizont zu passieren?

Die Liebe eines einzigen Mannes zu seiner Tochter wird genutzt, um eine Verbindung herzustellen, eine Verbindung die nicht nur den Raum zwischen den Welten überwindet, sondern auch die Zeit. Am Ende ist es nämlich Cooper, der alle Ereignisse in Gang setzt. Cooper fungiert als Botschafter, übermittelt sowohl dem jüngeren Ich von Murphy als auch ihrem älteren Pendant Informationen, welche in zwei verschiedenen Zeitebenen Kettenreaktionen auslösen und am Ende zur Rettung der Menschheit führen.

Liebe im Raum-Zeit-Gefüge

Und an dieser Stelle kommt Einstein ins Spiel: Seine Relativitätstheorie sieht das Konzept der Raumzeit vor. Diese lässt sich – modellhaft gesprochen – durch größere Massen krümmen, deshalb verläuft die Zeit in der Nähe sehr schwerer Objekte, Schwarzen Löchern und Neutronensternen beispielsweise, langsamer. Nolans Prämisse allerdings sieht vor, dass nicht nur die Gravitation den Lauf der Zeit ändern kann, sondern auch starke menschliche Emotionen, in diesem Fall die Liebe. Dr. Brand, gespielt von Anne Hathaway, stellt diese Theorie wie folgt dar:

 

Cooper: „Love has meaning, yes. Social utility, social bonding, child rearing…“

Brand: „We love people who have died. Where’s the social utility in that?“

Cooper: „None.“

Brand: „Maybe it means something more – something we can’t yet understand. Maybe it’s some evidence, some artifact of a higher dimension that we can’t consciously perceive. I’m drawn across the universe to someone I haven’t seen in a decade, who I know is probably dead. Love is the one thing we’re capable of perceiving that transcends dimensions of time and space. Maybe we should trust that, even if we can’t understand it. All right Cooper. Yes. The tiniest possibility of seeing Wolf again excites me. That doesn’t mean I’m wrong.“ – entnommen aus Interstellar von Christopher Nolan

 

Ich bewundere Christopher Nolan. Nicht nur für seine Filme, sondern dafür, dass er sich traut, ungewohnte Wege zu gehen und sich wie gerade in diesem Beispiel mit einer so verrückt erscheinenden Prämisse Emotionen in einem Film zu erzeugen. Somit ist die Idee der Liebe als in Einsteins Raumzeit eingebettete Naturkraft etwas ganz Besonderes. Unabhängig von der wissenschaftlichen Validität: Die grundlegende Idee von Interstellar ist absolut faszinierend.

Schließen möchte ich diesen Beitrag mit dem wunderbaren Gedicht Do not go gentle into that good night, das der walisische Dichter Dylan Thomas, zum Tode seines Vaters schrieb. Sehr passend zur Thematik des Films, denn in Interstellar ist es Cooper, der in die „gute Nacht“ hinauszieht, in diesem Falle in die Nacht des Universums, mit der großen Aufgabe, eine neue Heimat für die Menschheit zu finden, während Murphy sich damit nicht abfinden kann.

 

Do not go gentle into that good night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieve it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

Dylan Thomas

Freitags-Special: Bestimmt die Sprache das Denken?

Spoilerwarnung: In diesem Beitrag werden einige Grundzüge der Handlung von Arrival offengelegt.

Etwas spät, aber noch immer im gesetzten Zeitrahmen möchte ich diese Woche im Freitags-Special eine Idee aus dem wunderbaren Film Arrival von Denis Villeneuve vorstellen, die mich ganz besonders fasziniert hat. Es geht um einen Alien-Erstkontakt, Linguistik und die Frage, wie sehr die Sprache das Denken bestimmt. Im Rahmen dieses Beitrags werde ich natürlich versuchen, so weit wie möglich auf Spoiler der Handlung von Arrival zu verzichten und bewusst vage bleiben. Wer trotzdem keinerlei Hinweise auf das bekommen möchte, was im Film geschieht, sollte sich Arrival zunächst anschauen und später wieder zurückkommen.

Vorweg eine sehr kurze Zusammenfassung der Filmhandlung um die Ideen von Villeneuve und Drehbuchautor Eric Heisserer in einen Kontext stellen zu können: Gewaltige, fremdartig aussehende Raumschiffe landen auf der Erde, ein kleines Team unter Leitung einer Linguistin und eines Physikers, macht sich an die schwierige Aufgabe, eine Kommunikation mit den Außerirdischen zu etablieren.

arrival
Was wohl der erste Mensch, der einen Fuß in solch ein Raumschiff setzt, denkt und fühlt?

Man kann sich vorstellen, welche Herausforderung es darstellen mag, mit einer Spezies zu kommunizieren, die sich unter gänzlich anderen Bedingungen entwickelt hat als die Menschheit. Und die Gefahr, durch irgendein falsches Wort oder eine falsche Geste religiöse oder individuelle Gefühle zu verletzen und damit einen interstellaren Krieg zu provozieren, ist im Rahmen eines solchen Erstkontaktes stets allzu präsent.

Das allerdings sind nur sekundäre Probleme, denn alle menschliche Kommunikation begründet sich auf eine ähnliche Art zu denken und auf dasselbe Verständnis von Zeit und Raum. Was aber, wenn die Außerirdischen eine gänzlich andere Wahrnehmung dieser beiden grundlegenden Konstanten des Daseins haben? Dann wird es äußerst schwierig, zu kommunizieren, denn Ideen und Begrifflichkeiten sind kaum miteinander vergleichbar.

Dr. Louise Banks (Amy Adams) gelingt im Film das Kunststück der teilweisen Entschlüsselung mit einer Mischung aus Intuition und harter wissenschaftlicher Arbeit. Und während Dr. Banks die Sprache der Außerirdischen lernt, geschieht etwas absolut Fantastisches: In ihrem eigenen Denken etablieren sich Teile der fremdartigen Wahrnehmung der Außerirdischen.

time_alien
„Zeit“

Diese Wahrnehmung lässt Dr. Banks Dinge sehen, die der menschlichen Natur fremd sind, die weit über das normale menschliche emotionale und mentale Erleben hinausgehen, die eine vollkommen andersartige Art des Denkens offenlegen. Das bloße Lernen der fremden Sprache als Solchen hat somit in Arrival mehr zur Transformation des menschlichen Denkens beigetragen als alle ausgetauschten Daten über Physik oder Biologie.

Es gibt die – durchaus umstrittene – Hypothese, dass die Sprache unser Denken mehr formt, als wir es gern wahrhaben wollen (Sapir-Whorf-Hypothese) und ich möchte mich in keiner Weise an diesem Zwist beteiligen, könnte ich auch gar nicht, denn mir fehlt das Hintergrundwissen.

Aber die Idee allein, dass das Lernen der Sprache Außerirdischer einen vollkommen neuen Erkenntnishorizont für die Menschheit eröffnet, ist wohl die größtmögliche Interpretation, die stärkste Ausprägung dieser Hypothese. Und diese Idee finde ich, unabhängig von ihrem wissenschaftlichen Wahrheitsgehalt, absolut faszinierend.

An dieser Stelle möchte ich noch ein wirklich schönes Stück aus dem Soundtrack zu Arrival von Max Richter verlinken:

Referenzen:

Arrival – Filmtrailer

Wie sehr beeinflusst Sprache unser Denken?

Freitags-Special: Kreative Ideen in Buch und Film

Bücher wie Filme laden zum Träumen ein, dazu, sich in fremden Welten zu verlieren. Und oftmals lassen Autoren und Regisseure Ideen einfließen, die den Leser in ihrer Schönheit, Kreativität und gesellschaftlichen Tragweite einfach staunend und überwältigt zurücklassen. Ist Film oder Buch wirklich gut, finden sich gern auch mal mehrere dieser originellen Einfälle.

Ich werde versuchen, hier jeden Freitag eine kleine oder größere dieser Ideen herauszusuchen und vorzustellen. Das können ebenso interessante Gesellschaftsentwürfe, verrückte Transport- und Kommunikationssysteme, eine neue Deutung der Quantenphysik sein wie ein ausgefallenes Magiekonzept oder ein originelles Verständnis von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Beginnen möchte ich diese Reihe mit einer Idee, die mich aufgrund ihrer schieren Größe einfach überwältigt und beeindruckt hat. Dan Simmons ist einer meiner Lieblingsautoren, vor allem weil er immer wieder verrückt anmutende Einfälle in seine Romane einbaut. Dieser hier stammt aus seinem Roman Ilium:

iliumsimons

Der transatlantische Grabenbruch

Da Simmons hier naturgemäß viel bessere schriftstellerische Fähigkeiten an den Tag legt als ich es selbst jemals könnte, möchte ich ihn hier zitieren:

„Falls ihr den Bruch noch nie gesehen habt: Schon vom Ufer aus ist er ein faszinierender Anblick. Er ist ungefähr 80 Meter breit – eine Spalte, die nach Osten führt, so weit das Auge reicht, und zum Horizont hin immer schmaler wird, bis sie an der Linie, wo Meer und Himmel aufeinander treffen, nur noch ein heller Strich im Wasser ist. […]

Bereits nach zehn bis zwölf Metern reichen einem die abgeschnittenen Wasserwände links und rechts weit über den Kopf. Schatten bewegen sich darin. In der Nähe der Barriere zwischen Luft und Wasser sieht man kleine Fische schwimmen, dann den Schatten eines Hais, dann das fahle Leuchten gallertartiger, schwebender Gebilde, die man nicht richtig identifizieren kann. […]

Ein, zwei Kilometer vom Ufer entfernt ragt das Wasser so weit empor, dass der Himmel droben dunkler wird. Etwa zwanzig Kilometer weit draußen sind die Wasserwände zu beiden Seiten über dreihundert Meter hoch. In dem schmalen Stück Himmel, das man noch sieht, kommen selbst bei Tageslicht die Sterne heraus.“

„ – Dan Simmons, Ilium, S. 49

grabenbruch.jpg
Die Weite des Atlantik – ohne Grabenbruch

Es handelt sich also um eine unsichtbare Barriere, ein Kraftfeld, das die Wassermassen des Atlantik zurückhält, sodass man in der Theorie, mit genug Zeit und Verpflegung, von der Ostküste Nordamerikas bis nach Spanien wandern(!) kann, während links und rechts des Weges das Wasser Kilometer hoch aufragt und schon bald alles Licht schluckt.

Jetzt könnte man sich fragen, warum solch ein Konstrukt erschaffen werden sollte. Die größere Faszination allerdings liegt wohl darin, sich bloß vorzustellen, die ersten vorsichtigen Schritte zwischen die Wände aus Wasser zu setzen. Und zu hoffen, dass die stützenden Kraftfelder nicht nachgeben, wenn man gerade auf halbem Wege nach Nordamerika ist.