„Do not go gentle into that good night“ – Vertont

Nachdem ich gestern im Freitags-Special auf einen Aspekt des Films Interstellar eingegangen bin, möchte ich nun noch eine ganz wunderbare Rezitation des Gedichtes „Do not go gentle into that good night“ von Dylan Thomas verlinken.

Gesprochen von Anthony Hopkins, unterlegt mit dem großartigen Score von Interstellar und mit sehr schön komponierten Bildern, wie ich finde:

Freitags-Special: Was Liebe und Gravitation verbindet

Wissenschaft und Liebe?

Während es im letzten Beitrag düster und deprimierend zuging, wird es im heutigen Freitags-Special ganz wohlig-gefühlig, geradezu emotional. Denn es geht um die Liebe, um diese eine große Emotion, deren genaue Definition sich seit Jahrhunderten der menschlichen Erkenntnis entzieht. Es wurden sicher schon tausende Seiten Text gefüllt, unzählige Bücher über dieses Thema geschrieben, zahllose Filme gedreht und trotzdem weigert sich die Liebe beharrlich, sich unserem menschlichen Erkenntnishorizont zu öffnen. Kein Neurowissenschaftler dieser Welt kann erklären, wie Liebe funktioniert. Zuneigung: Spiegelneuronen und Ocytocin, Verliebtheit: Dopamin. Liebe? Eine echte, tiefe Bindung zwischen zwei Menschen? Unmöglich, solch ein komplexes Phänomen zu entwirren.

Der geneigte Leser mag verwirrt die Nase rümpfen: Was hat die Liebe hier im Nerd-Feuilleton zu suchen? Was gibt es da zu analysieren, zu systematisieren, wo bleiben bei dem Thema die Drachen und Raumschiffe, die Naturwissenschaft und das kritische Denken? Tatsächlich gibt es jemanden, der es geschafft hat, sich einer so tiefen Emotion wie der Liebe auf dem wissenschaftlich-kritischen Weg anzunähern, sogar unter Einsatz sehr vieler Elemente aus der klassischen Science-Fiction. Jemanden, der Raumschiffe, eine Erweiterung von Einsteins Relativitätstheorie und die Zukunft der Menschheit nutzt, um sich mit dem Thema Liebe zu beschäftigen. Der Liebe als Haupttriebfeder seiner Handlung verwendet ohne auch nur an einer Stelle kitschig zu sein. Und das alles durch das Medium des Films: Wer könnte es anders sein als Christopher Nolan, seines Zeichens einer der von mir am Meisten geschätzten Regisseure.

Nolan schafft es, monumentale Welten zu kreieren und Geschichten, die auf den ersten Blick verworren scheinen, sich aber in geradezu archäologischer Manier Schicht für Schicht auseinanderdividieren lassen und zumeist einige sehr interessante Gedankengänge offenbaren. Und er beschäftigt sich mit großen Themen. Gerade Inception und Interstellar regen sehr zum Nachdenken an und Letzterer schafft das Kunststück, auf das ich in diesem Beitrag eingehen möchte: Interstellar zeigt die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter, die nicht nur unabhängig ist vom Raum, sondern ebenso unabhängig von der Zeit. Unabhängig von den Grenzen, die die Naturwissenschaft uns auferlegt.

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Cooper und seine Tochter Murphy

An dieser Stelle sei eine Warnung angebracht, wir erreichen den Point-of-no-Return:

Dieser Beitrag legt das Ende des Films Interstellar von Christopher Nolan offen. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte dies schleunigst nachholen und kann dann beruhigt mit der Lektüre beginnen.

 

Murphy, Cooper und der geheime Plan der NASA

Rollen wir es von vorn auf, auch wenn die Handlung wahrscheinlich gemeinhin bekannt und zu komplex für ein paar Zeilen ist: In der Welt von Interstellar ist die Menschheit dem Untergang geweiht. Durch eine Klimaveränderung kann landwirtschaftlich kaum noch etwas angebaut werden. Mais, als einzige Pflanze noch wirklich ertragreich, wird mittlerweile großflächig von einem Parasiten befallen. Cooper, seines Zeichens Ingenieur und Testpilot für die NASA zieht seine Tochter Murphy und seinen Sohn Tom alleine groß, nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist.

Murphy und Cooper verbindet ein sehr starkes emotionales Band miteinander, eine enge Beziehung zwischen Vater und Tochter. Cooper bekommt die Chance, für die NASA an einem Projekt teilzunehmen, das die Menschheit zur Kolonisierung auf eine zweite Erde bringen soll – vorgeblich. Cooper macht sich mit einem Team von Astronauten auf den Weg in Richtung eines Sonnensystems, in dem habitable Planeten vermutet werden. Die genauen Details lasse ich hier aus Komplexitätsgründen offen.

Und nun kommt das Ende, dieses Ende, welches sehr nachdenklich stimmt und irgendwie eine wunderbar lebensbejahende Botschaft in sich trägt: Nachdem Cooper sich auf dramatische Weise – durch den Flug in ein schwarzes Loch – opfert, um der Menschheit den Weg zu einer neuen Heimat zu ebnen, scheint er nicht, wie erwartet, dem Tode entgegen zu dämmern. Stattdessen findet er sich in einer seltsamen Spiegelwelt wider, in der er seine Tochter sieht. Seine Tochter in jungen Jahren, seine Tochter als Erwachsene. Er scheint sich in einer Dimension zu befinden, in der Zeit und Raum wie wir sie kennen nichts weiter sind als Stufen auf einer kleinen Leiter.

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Das schwarze Loch Gargantua: Wie viel Mut  es wohl erfordert, den Ereignishorizont zu passieren?

Die Liebe eines einzigen Mannes zu seiner Tochter wird genutzt, um eine Verbindung herzustellen, eine Verbindung die nicht nur den Raum zwischen den Welten überwindet, sondern auch die Zeit. Am Ende ist es nämlich Cooper, der alle Ereignisse in Gang setzt. Cooper fungiert als Botschafter, übermittelt sowohl dem jüngeren Ich von Murphy als auch ihrem älteren Pendant Informationen, welche in zwei verschiedenen Zeitebenen Kettenreaktionen auslösen und am Ende zur Rettung der Menschheit führen.

Liebe im Raum-Zeit-Gefüge

Und an dieser Stelle kommt Einstein ins Spiel: Seine Relativitätstheorie sieht das Konzept der Raumzeit vor. Diese lässt sich – modellhaft gesprochen – durch größere Massen krümmen, deshalb verläuft die Zeit in der Nähe sehr schwerer Objekte, Schwarzen Löchern und Neutronensternen beispielsweise, langsamer. Nolans Prämisse allerdings sieht vor, dass nicht nur die Gravitation den Lauf der Zeit ändern kann, sondern auch starke menschliche Emotionen, in diesem Fall die Liebe. Dr. Brand, gespielt von Anne Hathaway, stellt diese Theorie wie folgt dar:

 

Cooper: „Love has meaning, yes. Social utility, social bonding, child rearing…“

Brand: „We love people who have died. Where’s the social utility in that?“

Cooper: „None.“

Brand: „Maybe it means something more – something we can’t yet understand. Maybe it’s some evidence, some artifact of a higher dimension that we can’t consciously perceive. I’m drawn across the universe to someone I haven’t seen in a decade, who I know is probably dead. Love is the one thing we’re capable of perceiving that transcends dimensions of time and space. Maybe we should trust that, even if we can’t understand it. All right Cooper. Yes. The tiniest possibility of seeing Wolf again excites me. That doesn’t mean I’m wrong.“ – entnommen aus Interstellar von Christopher Nolan

 

Ich bewundere Christopher Nolan. Nicht nur für seine Filme, sondern dafür, dass er sich traut, ungewohnte Wege zu gehen und sich wie gerade in diesem Beispiel mit einer so verrückt erscheinenden Prämisse Emotionen in einem Film zu erzeugen. Somit ist die Idee der Liebe als in Einsteins Raumzeit eingebettete Naturkraft etwas ganz Besonderes. Unabhängig von der wissenschaftlichen Validität: Die grundlegende Idee von Interstellar ist absolut faszinierend.

Schließen möchte ich diesen Beitrag mit dem wunderbaren Gedicht Do not go gentle into that good night, das der walisische Dichter Dylan Thomas, zum Tode seines Vaters schrieb. Sehr passend zur Thematik des Films, denn in Interstellar ist es Cooper, der in die „gute Nacht“ hinauszieht, in diesem Falle in die Nacht des Universums, mit der großen Aufgabe, eine neue Heimat für die Menschheit zu finden, während Murphy sich damit nicht abfinden kann.

 

Do not go gentle into that good night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieve it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

Dylan Thomas

Die Krone der Sterne – Kai Meyer – Buchkritik

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Einleitende Worte

Die Krone der Sterne war mein erster Roman von Kai Meyer, weder habe ich die allseits bekannten und gelobten Wellenläufer gelesen noch eine seiner anderen zahlreichen Geschichten. Meine Voreingenommenheit hielt sich also in Grenzen, als ich begann, Die Krone der Sterne zu lesen. Nun, nicht ganz, denn der Klappentext hat durchaus das Potenzial dem Science-Fiction-Fan und begeisterten Leser großer Space Operas einen mentalen Freudenschrei zu entlocken. Die vielen positiven Kritiken nach Erscheinen taten ihr Übriges, die Begeisterung noch zu steigern.

Ja, die Krone der Sterne ist eine klassische Space Opera, erschienen im Fischer|Tor Verlag und kommt auf gute 460 Seiten. Viel Lesestoff also für den geneigten Science-Fiction-Nerd. Gepriesen als groß angelegte Space Opera oder auch vom Verlag als „Space Fantasy“ beworben hat dieses Buch mit seinem wirklich schön gestalteten Cover meine Aufmerksamkeit erregt.

Wenn es ein Subgenre der Science-Fiction gibt, das einlädt zum Träumen, zum Nachdenken über große Zukunftsvisionen, zum grenzenlosen Eskapismus in eine andere Welt, dann ist es wohl das der Space Opera. Aus genau diesen Gründen schätze ich dieses Genre und aus genau diesen Gründen haben die Hyperion-Gesänge von Dan Simmons, die Romane des genialen Isaac Asimov oder der Kultur-Zyklus von Ian Banks bei mir großen Eindruck gemacht. Ebenso wie die Star Wars Filmreihe und Star Trek (ja, es ist durchaus möglich beides zu mögen ohne sich innerlich zu zerreißen ;-))

Umso mehr stieg also die Spannung, als ich die ersten Seiten aufschlug und begann, die Krone der Sterne zu lesen.

 

Handlungszusammenfassung

Das galaktische Reich Tiamande. Nachdem der unnachgiebige Maschinenherrscher in einer Rebellion gestürzt wurde, haben die Hexen des Kamastraka-Ordens die Herrschaft übernommen, angeführt von der geheimnisvollen Gottkaiserin. Die Hexen beziehen ihre Macht, eine nahezu magische Energie, aus der Strahlung eines schwarzen Lochs, das vor langer Zeit einmal die Galaxis durchquerte. Die Hexen herrschen mit ebenso großer Härte wie der gestürzte Maschinenherrscher, sie verboten alle Formen der künstlichen Intelligenz und bauten gewaltige Raumschiffe, deren visuelle Merkmale an diejenigen gotischer Kathedralen erinnern.

Die adelige Tochter eines recht unbedeutenden lokalen Herrschers aus den abgelegenen äußeren Baronien, Iniza, wird als Braut der Gottkaiserin ausgesucht und unter Zwang gemeinsam mit ihrem Leibwächter und heimlichen Geliebten Glanis auf einem Raumschiff in Richtung der Thronwelt der Kaiserin verbracht. Bei ihrem gemeinsamen Versuch zu fliehen treffen sie Kranit, einen gealterten Kopfgeldjäger und Shara Bitterstern, eine sogenannte Alleshändlerin, Schmugglerin wäre ein ebenso passender Begriff, und werden von diesen bei ihrem Vorhaben, Iniza in Sicherheit zu bringen, unterstützt.

 

Rezension

Wer hat beim Lesen der kurzen Handlungszusammenfassung Lust auf das Buch bekommen? Gottkaiserin, Maschinenherrscher, Hexenorden, Rebellion? In Raumschiffen. die aussehen wie gotische Kathedralen? Immer her damit! So ging es mir jedenfalls, groß angelegte und gut ausgearbeitete Welten entfesseln ihre ganze eigene Faszination und diese Welt klingt auf den ersten Blick einfach großartig.

Jetzt kommt leider das große „Aber“, die große Enttäuschung und es tut fast leid, es so zu schreiben, denn alles klang so vielversprechend: Die Ausgestaltung des Romans ist an vielen Stellen leider einfach nur schlecht, die Details vollkommen vernachlässigbar, manchmal kaum vorhanden. Das auf den ersten Blick großartig klingende World-Building nutzt sein Potenzial kein bisschen, mehr als die von mir in einem kleinen Absatz zusammengefassten Informationen erhalten wir im gesamten Buch nicht über die Welt, über das große Ganze.

So viel zur Enttäuschung über die, auf den ersten Blick so vielversprechend wirkende, Welt von Tiamande. Die Ansätze sind da, sie klingen so gut und als Leser möchte man geradezu schreien „Gib mir mehr davon!“, Meyer allerdings weigert sich beharrlich, weitere Informationen zu liefern.

Stattdessen wagt der Autor mit vollen Händen den Griff in die prall gefüllte Stereotypen-Kiste der Weltraumopern. Da wären:

  • Iniza, die klassische Weltraumprinzessin, muss sich von ihrem Geliebten, der gleichzeitig ihr Leibwächter ist, des Öfteren retten lassen
  • Shara Bitterstern, der Prototyp eines weiblichen Han Solo
  • Kranit, der weise Mentor mit der geheimnisvollen Krieger-Ausbildung, der auf fast jede Frage eine Antwort weiß
  • Glanis, der Leibwächter-Geliebte, der nicht viel sagt und nicht viel tut, außer Iniza zu retten

Wer sich hier verwirrt die Augen reibt, weil Vieles so bekannt vorkommt, der wird sich über den weiteren Verlauf der Handlung noch wundern. Auf größere Spoiler soll hier aber natürlich verzichtet werden. Noch zu erwähnen ist vielleicht, dass die Schmugglerin Shara das schnellste Raumschiff in der Galaxis fliegt, dessen Äußeres unscheinbar und heruntergekommen wirkt, das aber jedes imperiale… oh sorry, falsche Welt… jedes Schiff der Gottkaiserin abhängen kann.

Die Vermeidung von Klischees ist gerade in der Genre-Literatur nicht immer möglich, ja auch gar nicht zwingend, denn wenn sie kreativ kombiniert werden, dann können Stereotype dem Leser durchaus eine gewisse Heimat bieten, die Möglichkeit einer außergewöhnlichen Geschichte in einer fremden Welt etwas besser zu folgen. Kommen allerdings zu viele Klischees zusammen, dann wirkt es als wäre die Geschichte lieblos aus dem großen Lego-Baukasten der Literatur zusammengebaut worden.

Nun, die Stereotypen und die detailarme Welt würde man als Leser vielleicht verzeihen, wenn denn die Charakterzeichnung, die Ausarbeitung der einzelnen Motive der Charaktere gut dargestellt wäre, wenn der Leser die Emotionen, Ängste und Ziele der Protagonisten mitfühlen könnte. Nur leider kann er es nicht, ganz und gar nicht. Alle Charaktere bleiben flach und eindimensional. Shara ist getrieben vom Wunsch nach Heimat, Kranit ist seit einem Vorfall ein gebrochener Mann und Iniza möchte ihr Leben einfach nur in Ruhe mit Glanis verbringen. So viel zu den Beweggründen. Nein, mehr kommt nicht.

Kann wenigstens die Handlung überzeugen? Nein, kann sie nicht. Das Adjektiv, dass dieser Handlung am besten gerecht wird, mag vielleicht belanglos sein. Möglicherweise auch unoriginell. Es ist nicht zu viel verraten: Die drei fliehen, treffen jemanden, der ihnen helfen kann, fliehen wieder, treffen noch jemanden, bevor es zum „großen Finale“ kommt. Naja, auch dessen Ausgang kann man sich als geneigter Science-Fiction-Fan schon denken.

So traurig es ist, aber für die Krone der Sterne bleiben von meiner Seite aus nur 3 von 10 möglichen Punkten übrig. Zu flach die Charaktere, zu groß der Griff in den Science-Fiction-Baukasten, zu belanglos die Handlung. Das können auch die guten Ideen beim Entwurf der Welt, der Hexenorden, der Maschinenherrscher nicht wieder wettmachen. Dafür wird einfach zu wenig von der Welt beschrieben. Schade, wirklich schade.

 

Referenzen:

Weltenflüstern-Podcast mit positiverer Gesamtwertung, aber ähnlichen Kritikpunkten

Was die Space Opera so besonders macht (Englisch)

 

The Zero Theorem – Filmkritik

The Zero Theorem - Plakat

Einleitende Worte

Das Science-Fiction-Drama The Zero Theorem aus dem Jahre 2013 mit Christoph Waltz in der Hauptrolle hat das Potenzial, den Zuschauer tief und intensiv in seinen Bann zu ziehen und ihn dann nachdenklich und etwas deprimiert zurückzulassen. Er gehört zu genau der Art von Filmen, die sich vom nahezu omnipräsenten Wohlfühl-Mainstream-Kino erfrischend unterscheiden. Was diesem natürlich nicht seine Berechtigung absprechen soll, aber ab und an sind tiefgründige Dramen eine willkommene Abwechslung.

Terry Gilliam – ja, genau, der Mann von Monty Python – führte hier Regie wie auch im ebenfalls in einer düsteren Zukunft angesiedelten 12 Monkeys mit dem sich The Zero Theorem wohl am ehesten vergleichen lässt. Nun ja, nicht ganz, denn im Gegensatz zu 12 Monkeys geht es hier gar nicht so sehr um klassische, dystopische Motive.

Dystopien neigen oft dazu, die Wirtschaft für Umweltkatastrophen (Okja), die Politik oder Technologie für gesellschaftliche Entgleisungen (Snowpiercer) verantwortlich zu machen. Nicht so The Zero Theorem. Hier ist es das Universum, das sich gegen die Menschheit verschworen hat und der Mensch als Solcher, der sich eine Gesellschaft konstruiert hat, die in eine nahezu wahnhafte Aktivität verfallen ist. Ein Film also wie gemacht für das vor Betriebsamkeit überbordende 21. Jahrhundert, das Zeitalter von medialer Reizüberflutung und zu wenig Schlaf.

 

Trailer:

 

Handlungszusammenfassung

Im Wesentlichen dreht sich die gesamte Handlung darum, wie der exzentrisch wirkende Mathematiker Qohen (gespielt von Christoph Waltz) versucht, eine Gleichung zu lösen, die das endgültige Schicksal des Universums enthüllen soll.  Er arbeitet als „Entity Cracker“ oder „Entitätenknacker“ für eine IT-Firma und seine Aufgabe besteht darin, in einer visuellen Abstraktion einer mathematischen Formel, die von ihrer Ästhetik ein wenig an ein Computerspiel erinnert, Würfel an die richtige Stelle einzufügen ohne das gesamte Theoriegebäude einstürzen zu lassen. Auf diese Art soll er das namensgebende „Zero Theorem“ lösen, eine Art Weltformel, die das Ende des Universums vorherzusagen verspricht.

Auf dem Weg zur Lösung dieser Gleichung begegnet Qohen auf einer After Work Party neben dem Leiter der Firma, der nur als Management vorgestellt wird (Matt Damon), der verführerisch wirkenden Bainsley (Mélanie Thierry) sowie dem intelligenten Bastler Bob (Lucas Hedges), die ihn nach anfänglichen Differenzen bei seiner Aufgabe unterstützen. Zwischen den Dreien entspinnt sich ein interessantes Beziehungsgeflecht.

 

Rezension

Kurzum: Dieser abgedrehte, verrückte, visuell an manchen Stellen doch ein wenig anstrengende Film, schafft es, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Er funktioniert auf ganz verschiedenen Ebenen, neben der interessanten Charakterzeichnung von Qohen gibt es da die Beziehungen der Protagonisten untereinander oder den Entwurf einer Gesellschaft, die keinen Stillstand, keine Ruhe zu dulden scheint.

Beginnen wir mit Qohen. Der ohne Zweifel hochbegabte Mathematiker wohnt in einer alten, von Kerzenleuchtern erhellten Kirche, welche sein ganz persönliches Refugium in der lauten, unnachgiebigen Welt zu sein scheint. Er ist stark introvertiert, genießt seine Ruhe, meidet Aufregung wo er kann, wirkt insgesamt mit seiner dunklen, auf Unauffälligkeit bedachten Kleidung inmitten einer Welt, die von Farben und Lichtern nur so überladen ist, ziemlich fehl am Platze, ja stets ein wenig überfordert mit den vielen äußeren Reizen, die auf ihn einprasseln, sobald er das Haus verlässt.

Qohen spricht niemals in der ersten Person Singular von sich, sondern stets in der Zweiten, aus „Ich“ wird „Wir“ und der Zuschauer fragt sich bis zuletzt, wer denn der geheimnisvolle Andere ist, dem Qohen anscheinend in seinem Geist Zuflucht bietet. Christoph Waltz spielt diesen verschroben wirkenden Charakter in einer noch seltsamer wirkenden Welt einfach nur großartig, hierfür ein großes Kompliment.

Die Zivilisation in diesem Film scheint verrückt geworden zu sein, scheint nach rastloser Aktivität, nach grellen Farben, nach Parties und gehetzter, oberflächlich-hedonistischer Lebensfreude nur so zu schreien. Großartig inszeniert scheint die Tür der Kirche, in der Qohen wohnt, eine Pforte zu sein, ein Übergang der Ruhe in die gehetzte Aktivität. Ist diese geschlossen, ist es im Innenraum von Qohens Heim still, ruhig, es breitet sich durch die hohen Decken und aufgestellten Kerzen eine äußerst entspannte Atmosphäre aus. Wird die Tür allerdings geöffnet, dringen die Stimmen hunderter Menschen, der Lärm der Autos, die ganze Stadt unnachgiebig in den großen Raum hinein.

Die Arbeitsbedingungen, unter denen Qohen zunächst seine Aufgaben ausführen muss, muten schrecklich an. Erzwungenes Multitasking, ständiger Lärm, viele Menschen die ihn rücksichtslos bei seiner Arbeit unterbrechen. Gerade als ebenfalls eher introvertierter Zuschauer steigt mit jeder Minute die innere Nervosität, wenn man gezwungen ist sich in diese Umgebung hineinzudenken.

Die attraktive Bainsley stellt den Gegenpol zu Qohen dar. Ist Letzterer nachdenklich, introvertiert und tiefgründig, strahlt sie eine geradezu kindlich-naive Offenheit gegenüber ihren Mitmenschen aus. Dieser große Gegensatz macht ihrer Beider Beziehung hochinteressant und bietet viel Raum für eine spannende Charakterentwicklung, welche der Film auch ausnutzt.

Daneben bleibt der intelligent-erfinderische Bob, der nach kurzer anfänglicher Skepsis beginnt Qohen zu unterstützen fast ein wenig blass, wenngleich nicht weniger sympathisch.

Die Alpträume der Leere, des düsteren schwarzen Lochs, die den Protagonisten des Nachts aus dem Schlaf hochschrecken lassen, sind kraftvoll inszeniert und visuell beeindruckend. Es lässt sich sowohl als Metapher der vielen Ängste verstehen, die Qohen mit der Zeit entwickelt hat, als auch im Rahmen der Big Crunch-Hypothese als tatsächlich mögliches Ende des Universums und damit des menschlichen Lebens und der Zivilisation.

Übrigens auch erwähnenswert, dass eine herrlich überdrehte Tilda Swinton in Form einer Psychotherapeuten-Software – ja, richtig gelesen, menschliche Psychotherapeuten scheinen in dieser seltsamen Zukunftsvision obsolet zu sein – in The Zero Theorem auftritt.

Einzig das Ende ist unverständlich kurz und wirkt konstruiert. Besonders das Ende nach dem Ende – und wer den Film gesehen hat weiß sicher, was ich meine – weist doch eine ziemliche logische Lücke auf. Alles in Allem halte ich dies aber als einziges Manko in Anbetracht des großartig entworfenen Protagonisten und der wunderbaren Gesellschaftskritik für verschmerzbar.

Man fragt sich den gesamten Film über, wer hier eigentlich verrückt ist: Der brilliante, introvertierte Qohen, oder die Welt vor der Tür seiner Kirche, die sich anscheinend keinerlei Rast erlauben möchte. Und man fragt sich, ob man nicht doch den Einen oder Anderen metaphorischen, kritische Querverweis bei der Sichtung des Films übersehen hat, gerade in Bezug auf das alles verschlingende schwarze Loch oder der seltsam anmutenden Selbstbezeichnung Qohens als „Wir“. Eine Zweitsichtung schadet auf jeden Fall nicht.

Insgesamt ein großartiger Film, der durch seinen Protagonisten, die zum Nachdenken anregende Geschichte und vor allem dem Entwurf seiner Welt 8 von 10 Punkten verdient. Den leichten Abzug in der Gesamtwertung macht das seltsam konstruiert wirkende Ende aus, das allerdings dem Gesamterlebnis keinen Abbruch tut.

 

Weiterführende Links

Eine Erklärung der „Big Crunch“-Hypothese im RaumZeitWeb

Kritik von VERfilmt & ZERlesen

Die drei Sonnen – Cixin Liu – Buchkritik

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Vorn auf dem Buchdeckel der deutschen Ausgabe, herausgegeben von Heyne im Jahr 2017, prangen verheißungsvolle Versprechungen. Hugo Award und Galaxy Award stehen dort über dem Titel „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu. Links darunter ein roter Aufkleber, welcher den Roman als Spiegel Beststeller ausweist. Viel ist geschrieben worden über die ungewöhnliche Geschichte, die meisten Kritiker waren sich einig, dass es sich um ein ganz besonderes Buch handelt. Hohe Erwartungen waren hier Programm.

Bevor es nun zur Sache geht und ich meine Meinung hier niederschreiben möchte, noch ein kurzer Hinweis meinerseits: Ich bin großer Fan diverser Science-Fiction-Romane, insbesondere Dan Simmons, Isaac Asimov und Andreas Eschbach haben es mir mit ihren groß angelegten Space Operas angetan. Insofern bin ich im Rahmen westlicher Science-Fiction sozialisiert und kann den Roman von Cixin Liu aus diesem Grunde auch nur in diesem Kontext beurteilen. Die Situation der Science-Fiction-Literatur in China ist mir insofern leider fremd.

Nun denn, das Wichtigste zuerst: Konnte „Die drei Sonnen“ meine in die Höhe geschraubten Erwartungen erfüllen? Hohe Erwartungen machen leider häufiger Probleme, denn sie sorgen dafür, dass ein wirklich gut geschriebenes Buch subjektiv durchaus negativer beurteilt werden kann als es objektiv gesehen ist. Ich fürchte, bei „Die drei Sonnen“ ist mir genau dies passiert. Subjektiv würde ich also sagen: „Etwas schade, Erwartungen nicht erfüllt“. Der Versuch einer schwer zu erreichenden Objektivität zwingt mich allerdings zu schreiben: Auch wenn Cixin Liu es bisher noch nicht in meinen persönlichen Pantheon genialer Science-Fiction-Autoren geschafft hat, ist ihm trotz einiger Schwächen ein gutes Buch gelungen.

Aber gehen wir ins Detail. Worum geht es überhaupt? Das Buch spielt in zwei Zeitlinien, welche sich im Laufe der Handlung miteinander verweben. Im revolutionären China des Jahres 1967 erlebt Ye Wenjie als Astrophysikerin auf einer SETI-ähnlichen Station einige Abenteuer, die mich im Wesentlichen doch stark an Carl Sagans „Contact“ erinnert haben. Insofern finde ich die Story als Solche in dieser Zeitlinie vom Grad ihrer Neuartigkeit eher weniger gelungen, allerdings hat mir persönlich die Charakterzeichnung von Ye Wenjie sehr gut gefallen, sie trifft nämlich im Laufe der Handlung moralisch äußerst fragwürdige Entscheidungen und bleibt eher „grau“.

Parallel macht Professor Wang Miao, Forscher im Bereich der Nanotechnologie, gemeinsam mit dem pragmatisch denkenden aber nichtsdestotrotz intelligenten Streifenpolizisten Shih Quiang in der nahen Zukunft, einige beunruhigende Entdeckungen, vor allem in Verbindung mit einem sehr aufwändig entwickelten, „Three Body“ genannten, Computerspiel.

Stellt sich bei diesen beiden doch recht unzusammenhängend wirkenden Handlungseinheiten die Frage nach dem zentralen Motiv, dem Kern, der Botschaft des Romans. Es fällt mir schwer, hier nur einen Punkt herauszudestillieren. Die Motive sind: Ein großer Verrat an der Menschheit, die Wissenschaft als deren Retterin sowie technologisch überlegene Außerirdische, welche zwar als Antipoden auftreten, deren Motive moralisch aber vor allem durch die besondere Erfahrung, die das „Three Body“ genannte Computerspiel bietet, durchaus verständlich werden.

Cixin Liu hat hier viel versucht und ihm ist einiges davon sehr gut gelungen. Die Handlung in der nahen Zukunft rund um Wang Miao ist ein solider Thriller mit teils politischen Verwicklungen. Auch der raubeinige Shih Quiang wächst einem mit der Zeit ans Herz. Ye Wenjie ist ein großartig gezeichneter Charakter, hochintelligent, in ihren moralischen Empfindungen komplex und im großen und Ganzen eine Figur, an deren Entscheidungen man sich aufreiben kann, die Stoff zum Nachdenken gibt.

Auch das „Three Body“ genannte Computerspiel ist eine wunderbare Idee und eine charamante Lösung, die Motive von Außerirdischen menschlich verständlich zu machen. Wie gern ich wirklich einmal die VR-Brille aufsetzen und „Three Body“ spielen würde um mit Galileo und Newton gemeinsam zu versuchen, die Himmelsmechanik einer fremden Welt zu ergründen. Ja, „Three Body“ ist in meinen Augen das Meisterstück, das Cixin Liu gelungen ist.

Neben diesen wirklich gut gelungenen Aspekten gibt es allerdings auch einige weniger überzeugende Punkte. Da wären zunächst die Außerirdischen, deren Motive zwar gut nähergebracht werden, deren gesamte Gesellschaft aber komplett unterentwickelt erscheint. Es werden alle Klischees einer oberflächlichen gesellschaftspolitischen Entwicklung erfüllt, die der Science Fiction so oft vorgeworfen werden: Es gibt einen Herrscher, welcher allein und ohne irgendeine Form von Gewaltenteilung Entscheidungen für alle Individuen der Spezies trifft. Die Außerirdischen werden als gesammelte Einheit dargestellt ohne die geringste Form von Widerstand gegen die Gewaltherrschaft. Das Lebensrecht von Individuen wird geknüpft an deren Erfolg im Kollektiv. Nur drei Beispiele, welche im Laufe der Lektüre doch sehr ins Auge springen.

Eine Spezies, die im Laufe von Millionen Jahren tausende verschiedene Zivilisationen hervorgebracht hat, deren Wissenschaft und Technologie uns so überlegen ist, dass sie 11-dimensionale Protonen in die dritte Dimension transformieren und ihnen eine künstliche Intelligenz einhauchen können, wird – schon allein aus logistischen Gründen – nicht im Stile des Sonnenkönigs Ludwig XVI regiert werden. Es scheint als seien die gesellschaftlichen Fortschritte der Außerirdischen kaum vorhanden, wogegen die technologischen Mauern trotz schwierigster Bedingungen mit der Zeit nur so im Staub zerfielen. Aber die Entwicklung von Wirtschaft und Technologie sind auch immer an doe Fortschritte der Gesellschaft geknüpft, weshalb die Außerirdischen mich in „Die drei Sonnen“ am Wenigsten überzeugen.

Ein zweiter Schwachpunkt der Handlung sind die politischen Verwicklungen dreier verschiedener Lager, welche im Laufe der Handlung in den Fokus treten. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber hier nutzt der Autor bei Weitem nicht das gesamte Potential der Ausgangssituation aus. Es handelt sich um ein kurzes Intermezzo, welches übermäßig schnell gelöst wird, mehr nicht.

Alles in Allem handelt es sich bei „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu um einen durchaus gut gelungen Roman mit einer wunderbaren Ausgangsidee und einer guten Charakterentwicklung, besonders in der Figur Ye Wenjie. Auf der anderen Seite werden allerdings einige Potenziale nicht bis zum Ende ausgereizt und gerade die Darstellung der Aliens bleibt recht flach. Allerdings folgen ja noch zwei Bände, was durchaus die Möglichkeit einer weiteren Ausarbeitung der Alien-Zivilisation und ausführlicherer Beschreibungen bietet.

Die obligatorische Punktewertung darf natürlich nicht fehlen und da das Buch bis auf die oben aufgeführten Schwächen durchaus gut gelungen ist, vergebe ich hier gute 7 von 10 Punkten und bin äußerst gespannt auf den Nachfolger „der dunkle Wald“, welcher mit einem avisierten (deutschen) Erscheinungstermin am 11. Juni 2018 wohl noch ein wenig auf sich warten lässt.