H.P. Lovecraft – Die Faszination des kosmischen Horrors

Ein böses Spiegeluniversum

Jeder Literaturinteressierte kennt wohl mehrere Schriftsteller, deren Werke er tief bewundert, von deren Schaffen er beeindruckt ist und deren Ideen und sprachliche Eleganz ihm größten Respekt abnötigen. Für mich ist einer dieser Schriftsteller neben Dan Simmons und Brandon Sanderson – zu deren Romanen ich hier sicher auch noch einmal ein paar Zeilen schreiben werde – der US-Amerikaner Howard Phillips Lovecraft.

Warum? Dem möchte ich hier auf den Grund gehen, denn eigentlich bin ich ganz persönlich im Grunde unverbesserlicher, humanistischer Zukunftsoptimist. Lovecraft hingegen zeichnet zu dieser Weltsicht einen düsteren, geradezu hoffnungslosen Gegenentwurf. Gott ist nicht nur im Sinne Nietzsches tot, die Götter sind wahnsinnige, grausame, brutale, rücksichtslose Wesenheiten von weit außerhalb unseres bekannten Universums.

Lovecrafts Leben war auf alle Fälle zu kurz, trotzdem hat er neben vielen Kurzgeschichten auch Gedichte und Essays verfasst, in manchen Fällen auch gemeinsam mit anderen Autoren. Bei näherem Interesse an seinem Leben und Schaffen möchte ich auf die Seite des Festa Verlages verweisen, der eine schöne Kurzbiographie formuliert hat.

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Ein Blick in die Sterne: In unserer Welt voller Schönheit, bei Lovecraft voll verborgener Schrecken

Hier aber soll es nicht um sein Leben, sondern um seine Weltsicht gehen, um den „Cosmic Horror“. Und der ist frei von jedweder Hoffnung, frei von menschlicher Selbstbestimmung, frei von Bedeutung und Triumph. Die Menschheit ist nicht mal ein Spielball auf dem Schachbrett bedeutenderer Mächte, sie ist schlichtweg irrelevant für diese und könnte mit einem simplen Gedanken mächtigerer Spezies ausgelöscht werden. Sicher macht diese Tatsache einen Teil des Reizes aus, denn die schiere Größe, die Unbegreifbarkeit des von ihm geschaffenen, bösen Spiegeluniversums, lässt uns klein und unbedeutend erscheinen. Und ist nicht Hilflosigkeit im Angesicht einer gewaltigen, übermenschlich großen Bedrohung, eine der schrecklichsten Emotionen, die man empfinden kann? Der zutiefst menschliche Kern, auf den sich der Begriff des Horrors reduzieren lässt?

Horror im wirklich großen Maßstab

Viele Autoren schreiben über den täglichen Horror, über Mord und Totschlag, über außer Kontrolle geratene wissenschaftliche Experimente, ja teils sogar über von Dämonen besessene Alltagsgegenstände. Stephen King schafft es in seiner Erzählung Der Buick sogar etwas so Unspektakuläres wie ein Auto als großen Antagonisten zu etablieren. Hier liegt der Horror sozusagen ganz nah vor der eigenen Haustür, bei verrückt gewordenen Nachbarn oder bei seltsamen Kreaturen, die des Nachts durch den eigenen Garten oder über den Dachboden schleichen. Alltagsnaher Horror.

Genau demgegenüber ist Lovecrafts kosmischer Horror angesiedelt, der Alltag ist hier fern, sehr fern. Das beginnt bereits bei den Protagonisten, die zumeist hochgebildete und angesehene Adlige oder Wissenschaftler aus der amerikanischen Oberschicht sind und endet mit den Schauplätzen. Die Miskatonic University, bekannt für ihre parawissenschaftlichen Forschungen, die fiktiven Städte Arkham und Innsmouth, in denen ein ständiges Gefühl düsterer Bedrohung präsent ist und sich seltsame Vorkommnisse häufen, das wahrscheinlich allseits bekannte, wenngleich fiktive, Necronomicon, geschrieben vor Jahrhunderten von einem Autor am Rande des Wahnsinns. All diese Handlungselemente haben keinerlei Alltagsrelevanz, denn sie strahlen eine Art von Zeitvergessenheit aus, spielen allesamt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Und trotzdem, oder genau aus diesem Grunde, faszinieren sie.

Neben dem Necronomicon, oft in Filmen und Romanen referenziert, sind Cthulhu und die alten Götter wohl die bekanntesten Schöpfungen des Autors. Götter, die hinter den Sternen leben und das Leben der Menschheit beeinflussen oder vor langer Zeit einmal beeinflusst haben. Götter, die die angesehensten und besten Wissenschaftler und Gelehrten nicht mit ihren Sinnen fassen können ohne ob ihrer puren Schrecklichkeit dem Wahnsinn anheim zu fallen. Bei Lovecraft ist es auch der Maßstab, der die Dinge interessant macht, es ist die schiere, übermenschliche Größe seiner Schöpfungen, die den Horror erzeugen. Alles ist monumental und für den menschlichen Geist nahezu unfassbar. Alte außerirdische Völker, die vor Äonen mit schrecklichen Waffen Kriege gegeneinander führten, Verwirrende Rituale, alte Artefakte und Orte, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr betreten hat, tragen wohl zur finsteren Stimmung bei.

Einen seltsamen Sog erzeugt auch die Mystik, das Paranormale, die Geisterhaftigkeit, die die Handlung vorantreiben. Okkulte und seltsam anmutende religiöse Kulte, die vollkommen verdrehte Traumwelt der Dreamlands, all dies erzeugt das Gefühl, nur ein winziger Teil einer viel gewaltigeren Welt zu sein, einer Welt, die dem Menschen nicht gewogen ist. Und genau dies ist es wohl, das neben seinem besonderen, adjektiv-lastigen Schreibstil, die Faszination von H.P. Lovecraft ausmacht.

Lovecrafts unbekanntere Gedichte

Während besonders die Kurzgeschichten von ihm recht bekannt sind, haben Lovecrafts Gedichte gerade im deutschsprachigen Raum weniger Verbreitung gefunden. Es mag daran liegen, dass man sich auf das altmodische Englisch nun doch etwas einstellen muss. In jedem Falle lohnt es sich, sie einmal zu lesen, denn sie erzeugen dieselbe ganz besondere Stimmung, diese seltsame Mischung aus Faszination und einem Gefühl für die schier unendliche Größe des von Lovecraft geschaffenen Universums. Ein feindliches, finsteres Universum zwar, nichtsdestoweniger eine faszinierende Welt.

Astrophobos ist neben The City mein absolut liebstes Gedicht von Lovecraft, weshalb ich es hier gern teilen möchte –Die Urheberrechte an seinem Werk sind mittlerweile erloschen, weshalb ich den Text an dieser Stelle direkt einbinden kann. Ein Vorteil der ausgelaufenen Urheberrechte sind übrigens auch seine frei im Internet zur Verfügung stehenden Texte. Zwei meiner liebsten Erzählungen habe ich unten einmal in ihrer deutschen Übersetzung verlinkt. Gerade Berge des Wahnsinns nutzt wohl alle Stilelemente, die den Cosmic Horror so interessant machen.

Übrigens ist Phobos der griechische Gott der Furcht und des Chaos. Ja, die Weite der Sterne mit den zutiefst menschlichen Urängsten vereinen, darin war Lovecraft ein wahrer Meister. Auch wenn man zumeist froh bin, nicht dauerhaft in Lovecrafts Gedankenwelt festzustecken, ist er ein Garant für eine wunderbare Abendlektüre, sowohl in lauen Sommernächten als auch im tiefsten, verschneiten Winter.

Astrophobos    

In the midnight heavens burning
Thro’ ethereal deeps afar,
Once I watch’d with restless yearning
An alluring, aureate star;
Ev’ry eye aloft returning,
Gleaming nigh the Arctic car.

Mystic waves of beauty blended
With the gorgeous golden rays;
Phantasies of bliss descended
In a myrrh’d Elysian haze;
And in lyre-born chords extended
Harmonies of Lydian lays.

There (thought I) lies scenes of pleasure,
Where the free and blessed dwell,
And each moment bears a treasure
Freighted with a lotus-spell,
And there floats a liquid measure
From the lute of Israfel.

There (I told myself) were shining
Worlds of happiness unknown,
Peace and Innocence entwining
By the Crowned Virtue’s throne;
Men of light, their thoughts refining
Purer, fairer, than our own.

Thus I mus’d, when o’er the vision
Crept a red delirious change;
Hope dissolving to derision,
Beauty to distortion strange;
Hymnic chords in weird collision,
Spectral sights in endless range.

Crimson burn’d the star of sadness
As behind the beams I peer’d;
All was woe that seem’d but gladness
Ere my gaze with truth was sear’d;
Cacodaemons, mir’d with madness,
Thro’ the fever’d flick’ring leer’d.

Now I know the fiendish fable
That the golden glitter bore;
Now I shun the spangled sable
That I watch’d and lov’d before;
But the horror, set and stable,
Haunts my soul for evermore.

H.P. Lovecraft

 

Referenzen

Der Außenseiter

Berge des Wahnsinns

The Invitation – Karyn Kusama – Filmkritik

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Einleitende Worte

Ein entspannter Abend mit einem Thriller und einer Tasse Tee sollte es werden. Und da empfahl Netflix mir The Invitation. Nach dem Anschauen des wirklich stimmungsvoll gestalteten Plakats und des Trailers stieg die Neugier und Neugierde ist wohl immer der beste Indikator, sich einen Film einmal anzuschauen. The Invitation mag auf den ersten Blick ein wenig wirken wie eine finstere Version von Gott des Gemetzels des Regisseurs Roman Polanski, stellt sich am Ende allerdings doch als ziemlich anders heraus, was vor allem mit seiner Genrezuordnung zusammenhängt.

Der 2016 veröffentlichte Film von Karyn Kusama, die sich auch für Aeon Flux und Jennifers Body verantwortlich zeichnet, hat eine Laufzeit von 100 Minuten und ist aktuell bei Netflix in der Flatrate zu sehen. Diesen Film einem Genre zuzuordnen ist schwierig, der englischsprachige Wikipedia-Artikel listet ihn als Horror-Thriller, Netflix ebenfalls in der Kategorie Horror.

Ich selbst halte die Einordnung in das Genre des Horrors allerdings für problematisch. Grundsätzlich ist die Einordnung des Films schwierig, was auch seine größte Schwäche darstellt. Der Aufbau von The Invitation folgt der Spannungskurve eines klassischen Thrillers, wobei sich die Horror-Elemente in engen Grenzen bewegen. Für ein Drama allerdings, wie der bereits oben angeführte Gott des Gemetzels, ist die Figurenkonstellation zu flach, sind die Charaktere nicht tief genug gezeichnet. Damit steht der Film ein wenig zwischen den Stühlen und genau das ist es auch, was zu seinem großen Problem wird.

Handlungszusammenfassung

Seit zwei Jahren hat Will (Logan Marshall-Green) nichts mehr von seiner Ex-Frau Eden (Tammy Blanchard) gehört, als plötzlich eine Einladung zum Essen ihn und seine neue Freundin Kira (Emayatzy Corinealdi) ins Anwesen von Eden und ihrem neuen Mann David (Michiel Huisman) beruft. Einige weitere Freunde aus alten Tagen und ein paar neu gewonnene Bekannte des Gastgeber-Pärchens sind ebenfalls Teil der Abendgesellschaft.

Die anfangs oberflächlich angenehme Zusammenkunft wird mit der Zeit immer seltsamer, während in Will Stück für Stück Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Eden wach werden und gleichzeitig Sadie (Lindsay Burdge), eine Bekannte von David, heftig anfängt mit Will zu flirten. Stück für Stück gerät das soziale Gefüge immer mehr aus dem Gleichgewicht.

Der Trailer

Rezension

Eine Einladung zum Essen bei Freunden, die man lang nicht mehr gesehen hat. Welch ein Vergnügen. Dass solch eine Einladung allerdings ebenso das Potenzial hat, sich zu einem ziemlichen Alptraum auszuwachsen, kann man sich wohl vorstellen. Sind allerdings im wahren Leben oftmals übermäßiger Alkoholkonsum, nervige neue Bekannte oder charakterliche Veränderungen von alten Freunden die Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hat, ist es in diesem Film die seltsame, nahezu groteske Grundstimmung, die sich wie ein undurchdringlicher Nebel über die Szenerie legt.

Die Grundidee der langsam eskalierenden Zusammenkunft von Freunden, ist hochinteressant und bietet viel Raum für spannende Charakterstudien. So hat bereits die Verfilmung des bekannten Theaterstücks Gott des Gemetzels gezeigt, welche Möglichkeiten solch ein Szenario bietet. Die Idee von The Invitation, diese Konstellation auf die Spitze zu treiben und in das Gewand eines Thrillers zu kleiden, ist großartig. Leider hat der Film einige Schwächen, die das Gesamtbild trüben.

Da wäre zunächst die bereits in der Einleitung erwähnte Tatsache, dass The Invitation sich nicht auf ein Genre festlegt. Für einen Horror-Film ist er visuell zu zahm, für einen Thriller sind die Spannungskurven nicht klar genug gezeichnet. So braucht es recht lang, bis sich nach dem Auftakt wirklich interessante Dinge ereignen, was den Zuschauer für längere Zeit zwar in den Status eines allgemeinen Unwohlseins mit der seltsamen Situation, in der sich die Protagonisten befinden, versetzt, allerdings oft die unbewusste Frage aufwirft, wann es denn nun endlich losgeht, wann wichtige Handlungselemente etabliert werden. So nimmt sich The Invitation sowohl für die Darstellung des Beziehungsgeflechts der Protagonisten als auch für die Etablierung der Spannung nicht genug Zeit.

Sehr sympathisch allerdings ist der Verzicht auf allzu explizite Gewaltdarstellungen, wegen derer ich normalerweise alles was nicht in Richtung Psycho-Horror geht, vermeide. Grundsätzlich ist die visuelle Ästhetik des Films ziemlich beeindruckend. Die meisten Bilder wirken detailliert ausgearbeitet und mühevoll komponiert, gerade am Beginn des Films.

Die größte Stärke von The Invitation stellt das konstante Level an Groteske, die „Weirdness“ – der Leser möge entschuldigen, leider fällt mir keine wirklich gute deutschsprachige Entsprechung dieses Wortes ein – dar, die den ganzen Film über präsent ist. Bis zum Finale ist die dauerhafte Frage präsent: Was zum Teufel stimmt hier eigentlich nicht? Die Fassade des angenehmen Abendessens wird recht lang aufrecht erhalten und es sind lediglich Kleinigkeiten, die dafür sorgen, dass der Protagonist Will sich sichtlich unwohl in seiner Haut fühlt. Seltsamerweise scheint er der Einzige zu sein, dem es so geht.

Einen Kardinalsfehler allerdings erlaubt sich dieser ansonsten insgesamt unterhaltsame und vor allem ästhetisch gut komponierte Film: Das Ende. Hier soll natürlich nicht zu viel verraten werden, aber der Ausgang der gesamten Situation ist leider keine besondere Überraschung, der ganze Film arbeitet auf ein solches Finale hin, das macht es leider offensichtlich und schöpft das durchaus vorhandene Potenzial leider nicht ansatzweise aus.

Insgesamt ein Film, der gut unterhält, ein interessantes Kammerspiel mit besonderer Ästhetik. Gerade Eden (Tammy Blanchard) hat in ihrem weißen Kleid eine ganz wunderbare, nahezu ätherisch wirkende Ausstrahlung. Grundsätzlich sind die Schauspielleistungen in The Invitation wirklich solide. Außerdem ist die unterschwellige groteske und seltsame Stimmung großartig komponiert. Leider macht all dies die beiden größten Mankos des Films nicht wieder wett. Das nicht allzu überraschende Ende und die Entscheidungslosigkeit ob des Genres tun dem gesamten Seherlebnis leider einen Abbruch. Hätte The Invitation sich eindeutig dafür entschieden, ein Drama oder Thriller zu sein, er wäre ein großartiger Film geworden. So allerdings hat er mich nicht restlos überzeugt und ich vergebe solide 6 von 10 Punkten.

Referenzen

The Invitation auf Netflix

Filmkritik auf „der Filmkritiker Blog“

Filmkritik bei „unperfection1“

„Der dunkle Turm“ – zweiter Trailer

Der zweite Trailer der kommenden Dark Tower Verfilmung ist gestern veröffentlicht worden und nach dem Anschauen gibt es für mich als bekennenden Fan der Buchserie doch schon Anlass für ein sorgenvolles Kopfschütteln.

Die visuelle Ästhetik erinnert viel zu sehr an eine etwas düstere DC-Comic-Verfilmung als an den Western im Stile der Filme von Sergio Leone, dessen Stimmung zumindest der erste Roman „schwarz“ beim Lesen erzeugt. Die gesamte Inszenierung kommt mir viel zu „polished“, viel zu geschliffen, viel zu wenig schmutzig vor. Dasselbe generische CGI, das man schon tausende Male im Kino gesehen hat. Wo ist das zerfallende Mittwelt, wo sind die Ströme von Blut, die Roland auf seiner Pilgerfahrt zum Turm hinterlässt?

Große Sorge, dass dem Produzenten Sony wohl doch leider die Verankerung im Mainstream wichtiger zu sein scheint als eine akkurate Umsetzung des Stoffes, die auch Fans der Bücher überzeugen könnte.

Es handelt sich aber natürlich erst einmal nur um den Trailer, bleibt zu hoffen, dass der endgültige Film von diesem in positiver Weise abweicht.

Es – Stephen King – Buchkritik

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Einleitende Worte

Meine zweite Rezension im Rahmen dieses Blogs und schon mache ich mir Sorgen, mich weit, sehr weit aus dem Fenster der allgemein akzeptierten Meinungen zu lehnen. Aber nun ja, im Untertitel steht bereits die Subjektivität als Zustand festgeschrieben, weshalb ich mich nicht scheuen möchte, meine Meinung zu Stephen Kings Roman ES kundzutun. Manchmal muss man wohl gegen den Strom schwimmen, um nicht von ihm mitgerissen zu werden.

1986 auf deutsch erschienen ist ES von Stephen King wohl einer der bekanntesten Romane des Horror-Genres. 1990 bereits einmal verfilmt, soll dieses Jahr eine Neuverfilmung folgen, welche mich motiviert hat, mir das Buch endlich einmal durchzulesen. Viele Kritiker sind sich einig, dass der Roman zum Besten der Horror-Literatur gehört, was je veröffentlicht wurde. Ich habe dies anders empfunden und ich möchte im Folgenden gern ausführen, warum.

Trotzdem fühle ich mich bemüßigt zu sagen, dass ich das Genre der Horror-Literatur und auch Stephen King durchaus schätze. Neben Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“ ist der „Dunkle Turm“ von Stephen King eines der Bücher, bzw. Buchreihen, welche einen ganz besonderen Platz in der Horror-Ecke meines Bücherregals innehaben.

Gerade Lovecrafts Konzeption des „Cosmic Horror“ ist reizvoll, der Abgrund, den die Idee bietet, dass wir als menschliche Wesen allein in einem kalten, düsteren Universum leben, nur weil wir zu unbedeutend sind von mächtigen, kosmischen Wesenheiten auf einen Schlag ausgelöscht zu werden, spielt äußerst elegant mit der menschlichen Urangst der Einsamkeit, mit der Angst vor dem Unbekannten und Unheimlichen, mit der Angst vor dem Wahnsinn als Solchem. Vor der gewaltigen Leere des Alls Angst zu haben ist nur natürlich. Bei etwas Alltäglichem wie Clowns ist es wohl wesentlich differenzierter.

Handlungszusammenfassung

Die Handlung von ES in einigen Sätzen zusammenzufassen ist schwer. Es geht um die sieben Freunde Bill, Mike, Ben, Beverly, Richie, Eddie und Stan, die gemeinsam ihre Kindheit im Örtchen Derry in Maine verbracht haben und alle ihre eigenen Schwierigkeiten bewältigen mussten – diese reichen von Stottern über einen gewalttätigen Vater bis hin zu Hypochondrie und Fettleibigkeit. Die Sieben schließen sich zusammen und gründen den „Club der Verlierer“, verbringen viel Zeit miteinander in einer Gegend von Derry, die „Barrens“ genannt wird und recht dschungelähnlich daherkommt.

Schnitt. Viele Jahre später kehren die „Verlierer“, mittlerweile viel eher erfolgreiche Gewinner der Lotterie des Lebens, zurück nach Derry, weil eine seltsame Mordserie wieder begonnen hat. Die Erinnerungen der sechs – einer von ihnen nimmt sich aufgrund der Schrecklichkeit der Ereignisse vor der Reise das Leben – kommen langsam zurück, wie ein Schleier der sich Stück für Stück lüftet, so lang sie sich in Derry befinden. Die sechs müssen es, wie schon in ihrer Kindheit, mit einer übernatürlichen Wesenheit aufnehmen, die es vor allem auf die Emotionen von Kindern abgesehen hat. Mit der Zeit verschwimmt die Grenze zwischen Kindheit und erwachsen sein immer mehr.

Nun denn, das in aller Kürze, auch wenn eine zwei Absätze lange Zusammenfassung niemals einem 1500-seitigen Roman gerecht werden kann.

Rezension

Die Kindheit wird im Nachhinein von uns Erwachsenen gern verklärt, sehnsüchtig wird sich zurückerinnert an alte Freunde und alte Feinde und an die Einfachheit des Lebens. Der Fokus des Buches liegt auf ebendem, auf der Kindheit der Protagonisten. Im Grunde handelt es sich um einen Entwicklungsroman mit Horror-Elementen. Und genau das macht es so schwierig, das Buch in seiner Gesamtheit positiv zu beurteilen.

Das Kindheit nicht immer auch Einfachheit und Geborgenheit bedeutet, zeigt Stephen Kings ES ganz großartig. Das Kindheit Phantasie und Sorglosigkeit im Angesicht größter Gefahren bedeutet, ebenso. Allerdings fehlt dem Erwachsenen, der diesen Roman liest, die Identifikationsfigur, gerade wenn der Leser in seiner Kindheit nicht mit seinen persönlichen Verlierern durch seine persönlichen „Barrens“ gestreift ist oder von anderen Kindern verprügelt wurde. So fällt es dem geneigten Leser äußerst schwer, eine Verbindung aufzubauen, obwohl die Charakterzeichnung der einzelnen Figuren ohne Frage handwerklich hervorragend ist. Sie verhalten sich allesamt nachvollziehbar und doch ist es so schwer, ihre Emotionen zu verstehen.

Neben der großartigen Charakterzeichnung gelingt King sprachlich etwas ganz Besonderes, denn die Übergänge der Erzählung von den kindlichen Charakteren zu den Erwachsenen sind so elegant miteinander und ineinander verwoben, dass man sich häufiger fragt, wann die geschilderte Handlung nun zeitlich stattfindet. Auch die Handlungen und Emotionen der sich entspinnenden Liebesgeschichte der Erwachsenen bleiben nachvollziehbar und gut gezeichnet. Die psychologischen Beweggründe der einzelnen Charaktere sind beeindruckend fein entworfen und erzählt.

Als Entwicklungsroman also, selbst wenn als Erwachsener Leser die Identifikation mit den Kindern schwer fällt, ein wirklich gut geschriebenes Buch. Aber Leser, welche sich der Geschichte unter der Prämisse nähern, einen Horrorroman zu lesen, dürften eher enttäuscht sein.

Clowns sind zwar per sé nicht unbedingt besonders lustig, aber als großer Antagonist eines Horror-Romans taugen sie wohl doch nur bedingt. Genauso wie der ebenso im Buch beschriebene große Vogel oder die gewaltige Spinne. Viel interessanter waren dann doch die Querverweise, die zu den zahlreichen anderen Romanen Kings gezogen wurden. Leider kamen diese erst am Ende wirklich zum tragen. Außerdem stellt sich schon die Frage, was genau ausgerechnet sieben Kinder einer Kleinstadt so besonders macht, dass sie das große Böse, den großen Gegenspieler des Schöpfers der Welt, besiegen können.

Daneben sind es die vielen Details, die beim Lesen ermüden. Um eine dichte Atmosphäre zu erzeugen muss nicht die gesamte Stadt Derry mit all ihren Einwohnern, die fast allesamt ein äußerst langweiliges Tagwerk zu vollbringen scheinen, in Gänze beschrieben werden. Leider tut King genau dies, die Abschweifungen tragen nicht dazu bei, in die Geschichte einzutauchen, sondern vielmehr sich als Leser ständig zu fragen, wie viel Relevantes sich im gänzlich Irrelevanten versteckt.

Während Kings Magnum Opus „Der dunkle Turm“ die Waage genau im absolut ausgewogenen Verhältnis von Detailinformationen und Geschichte ausbalanciert, verliert sich ES im dunklen, schmodderigen Matsch der Details wie die Protagonisten sich im Matsch der „Barrens“ verlieren.

Der nächste Punkt sind die fehlenden Regeln, nach denen der große Antagonist, „Es“, besiegt werden kann. Brandon Sanderson sagte einmal, dass ein jedes Magiesystem auf Regeln basieren muss um einigermaßen glaubwürdig zu sein, denn sonst würde die Geschichte jeden Reiz verlieren und die Ziele der Protagonisten werden nicht deutlich, das Mitfiebern fällt weg. King entwirft leider keine solchen Regeln, mal kann „Es“ durch „Stimmen“ besiegt werden, die Richie beherrscht, mal durch Bills eisernen Willen, mal durch bloßes Werfen von Steinen. So fällt es äußerst schwer, den Kämpfen innerhalb der Handlung mit Spannung entgegen zu sehen, denn es ist unklar, was die Protagonisten erreichen müssen, um „Es“ endgültig zu besiegen.

Kommen wir zum Fazit: Als Entwicklungsroman und mit Blick auf die feine Zeichnung der Charaktere ist ES durchaus ein gut gelungenes Buch, weil King es versteht, tief in die Psyche der Protagonisten einzutauchen und ihre Emotionen und Handlungen für den Leser verständlich darzustellen. Im Rahmen der Horror-Literatur halte ich den Roman aber für durchaus ziemlich enttäuschend, denn erstens stören die vielen Details beim Lesen, zweitens sind die Regeln, nach denen der Kampf zwischen Gut und Böse verläuft dem Leser bis zum Ende unklar und drittens ist der Antagonist einfach nicht überzeugend genug.

Somit bleibt mir für „Es“ von Stephen King trotz der allgemeinen Euphorie nur eine mittelmäßige Wertung von 5 von 10 Punkten zu vergeben.