„Do not go gentle into that good night“ – Vertont

Nachdem ich gestern im Freitags-Special auf einen Aspekt des Films Interstellar eingegangen bin, möchte ich nun noch eine ganz wunderbare Rezitation des Gedichtes „Do not go gentle into that good night“ von Dylan Thomas verlinken.

Gesprochen von Anthony Hopkins, unterlegt mit dem großartigen Score von Interstellar und mit sehr schön komponierten Bildern, wie ich finde:

Freitags-Special: Was Liebe und Gravitation verbindet

Wissenschaft und Liebe?

Während es im letzten Beitrag düster und deprimierend zuging, wird es im heutigen Freitags-Special ganz wohlig-gefühlig, geradezu emotional. Denn es geht um die Liebe, um diese eine große Emotion, deren genaue Definition sich seit Jahrhunderten der menschlichen Erkenntnis entzieht. Es wurden sicher schon tausende Seiten Text gefüllt, unzählige Bücher über dieses Thema geschrieben, zahllose Filme gedreht und trotzdem weigert sich die Liebe beharrlich, sich unserem menschlichen Erkenntnishorizont zu öffnen. Kein Neurowissenschaftler dieser Welt kann erklären, wie Liebe funktioniert. Zuneigung: Spiegelneuronen und Ocytocin, Verliebtheit: Dopamin. Liebe? Eine echte, tiefe Bindung zwischen zwei Menschen? Unmöglich, solch ein komplexes Phänomen zu entwirren.

Der geneigte Leser mag verwirrt die Nase rümpfen: Was hat die Liebe hier im Nerd-Feuilleton zu suchen? Was gibt es da zu analysieren, zu systematisieren, wo bleiben bei dem Thema die Drachen und Raumschiffe, die Naturwissenschaft und das kritische Denken? Tatsächlich gibt es jemanden, der es geschafft hat, sich einer so tiefen Emotion wie der Liebe auf dem wissenschaftlich-kritischen Weg anzunähern, sogar unter Einsatz sehr vieler Elemente aus der klassischen Science-Fiction. Jemanden, der Raumschiffe, eine Erweiterung von Einsteins Relativitätstheorie und die Zukunft der Menschheit nutzt, um sich mit dem Thema Liebe zu beschäftigen. Der Liebe als Haupttriebfeder seiner Handlung verwendet ohne auch nur an einer Stelle kitschig zu sein. Und das alles durch das Medium des Films: Wer könnte es anders sein als Christopher Nolan, seines Zeichens einer der von mir am Meisten geschätzten Regisseure.

Nolan schafft es, monumentale Welten zu kreieren und Geschichten, die auf den ersten Blick verworren scheinen, sich aber in geradezu archäologischer Manier Schicht für Schicht auseinanderdividieren lassen und zumeist einige sehr interessante Gedankengänge offenbaren. Und er beschäftigt sich mit großen Themen. Gerade Inception und Interstellar regen sehr zum Nachdenken an und Letzterer schafft das Kunststück, auf das ich in diesem Beitrag eingehen möchte: Interstellar zeigt die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter, die nicht nur unabhängig ist vom Raum, sondern ebenso unabhängig von der Zeit. Unabhängig von den Grenzen, die die Naturwissenschaft uns auferlegt.

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Cooper und seine Tochter Murphy

An dieser Stelle sei eine Warnung angebracht, wir erreichen den Point-of-no-Return:

Dieser Beitrag legt das Ende des Films Interstellar von Christopher Nolan offen. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte dies schleunigst nachholen und kann dann beruhigt mit der Lektüre beginnen.

 

Murphy, Cooper und der geheime Plan der NASA

Rollen wir es von vorn auf, auch wenn die Handlung wahrscheinlich gemeinhin bekannt und zu komplex für ein paar Zeilen ist: In der Welt von Interstellar ist die Menschheit dem Untergang geweiht. Durch eine Klimaveränderung kann landwirtschaftlich kaum noch etwas angebaut werden. Mais, als einzige Pflanze noch wirklich ertragreich, wird mittlerweile großflächig von einem Parasiten befallen. Cooper, seines Zeichens Ingenieur und Testpilot für die NASA zieht seine Tochter Murphy und seinen Sohn Tom alleine groß, nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist.

Murphy und Cooper verbindet ein sehr starkes emotionales Band miteinander, eine enge Beziehung zwischen Vater und Tochter. Cooper bekommt die Chance, für die NASA an einem Projekt teilzunehmen, das die Menschheit zur Kolonisierung auf eine zweite Erde bringen soll – vorgeblich. Cooper macht sich mit einem Team von Astronauten auf den Weg in Richtung eines Sonnensystems, in dem habitable Planeten vermutet werden. Die genauen Details lasse ich hier aus Komplexitätsgründen offen.

Und nun kommt das Ende, dieses Ende, welches sehr nachdenklich stimmt und irgendwie eine wunderbar lebensbejahende Botschaft in sich trägt: Nachdem Cooper sich auf dramatische Weise – durch den Flug in ein schwarzes Loch – opfert, um der Menschheit den Weg zu einer neuen Heimat zu ebnen, scheint er nicht, wie erwartet, dem Tode entgegen zu dämmern. Stattdessen findet er sich in einer seltsamen Spiegelwelt wider, in der er seine Tochter sieht. Seine Tochter in jungen Jahren, seine Tochter als Erwachsene. Er scheint sich in einer Dimension zu befinden, in der Zeit und Raum wie wir sie kennen nichts weiter sind als Stufen auf einer kleinen Leiter.

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Das schwarze Loch Gargantua: Wie viel Mut  es wohl erfordert, den Ereignishorizont zu passieren?

Die Liebe eines einzigen Mannes zu seiner Tochter wird genutzt, um eine Verbindung herzustellen, eine Verbindung die nicht nur den Raum zwischen den Welten überwindet, sondern auch die Zeit. Am Ende ist es nämlich Cooper, der alle Ereignisse in Gang setzt. Cooper fungiert als Botschafter, übermittelt sowohl dem jüngeren Ich von Murphy als auch ihrem älteren Pendant Informationen, welche in zwei verschiedenen Zeitebenen Kettenreaktionen auslösen und am Ende zur Rettung der Menschheit führen.

Liebe im Raum-Zeit-Gefüge

Und an dieser Stelle kommt Einstein ins Spiel: Seine Relativitätstheorie sieht das Konzept der Raumzeit vor. Diese lässt sich – modellhaft gesprochen – durch größere Massen krümmen, deshalb verläuft die Zeit in der Nähe sehr schwerer Objekte, Schwarzen Löchern und Neutronensternen beispielsweise, langsamer. Nolans Prämisse allerdings sieht vor, dass nicht nur die Gravitation den Lauf der Zeit ändern kann, sondern auch starke menschliche Emotionen, in diesem Fall die Liebe. Dr. Brand, gespielt von Anne Hathaway, stellt diese Theorie wie folgt dar:

 

Cooper: „Love has meaning, yes. Social utility, social bonding, child rearing…“

Brand: „We love people who have died. Where’s the social utility in that?“

Cooper: „None.“

Brand: „Maybe it means something more – something we can’t yet understand. Maybe it’s some evidence, some artifact of a higher dimension that we can’t consciously perceive. I’m drawn across the universe to someone I haven’t seen in a decade, who I know is probably dead. Love is the one thing we’re capable of perceiving that transcends dimensions of time and space. Maybe we should trust that, even if we can’t understand it. All right Cooper. Yes. The tiniest possibility of seeing Wolf again excites me. That doesn’t mean I’m wrong.“ – entnommen aus Interstellar von Christopher Nolan

 

Ich bewundere Christopher Nolan. Nicht nur für seine Filme, sondern dafür, dass er sich traut, ungewohnte Wege zu gehen und sich wie gerade in diesem Beispiel mit einer so verrückt erscheinenden Prämisse Emotionen in einem Film zu erzeugen. Somit ist die Idee der Liebe als in Einsteins Raumzeit eingebettete Naturkraft etwas ganz Besonderes. Unabhängig von der wissenschaftlichen Validität: Die grundlegende Idee von Interstellar ist absolut faszinierend.

Schließen möchte ich diesen Beitrag mit dem wunderbaren Gedicht Do not go gentle into that good night, das der walisische Dichter Dylan Thomas, zum Tode seines Vaters schrieb. Sehr passend zur Thematik des Films, denn in Interstellar ist es Cooper, der in die „gute Nacht“ hinauszieht, in diesem Falle in die Nacht des Universums, mit der großen Aufgabe, eine neue Heimat für die Menschheit zu finden, während Murphy sich damit nicht abfinden kann.

 

Do not go gentle into that good night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieve it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

Dylan Thomas

American Gods – Serienempfehlung

Vor kurzem begann ich recht unvoreingenommen damit, mir American Gods anzuschauen. Mittlerweile habe ich die ersten drei Folgen angesehen und bin absolut begeistert.

Während die Erzählung der Handlung ziemlich verworren daherkommt, ist die visuelle Gestaltung der von Bryan Fuller produzierten Serie absolut atemberaubend. Fast jede Szene ein aufwändig komponiertes, ästhetisch interessantes Gemälde.

Wer sich ein Bild machen möchte, dem sei das wunderbare Intro ans Herz gelegt. Diese visuelle Gestaltung zieht sich durch die gesamte Serie:

Bisher möchte ich also schon allein wegen der großartigen Bilder eine Empfehlung aussprechen. Hoffentlich offenbart sich ab Folge 4 der Kern der Handlung und lichtet die Verwirrung.

Freitags-Special: Eine Welt ohne Kinder

Ach, ging diese Woche schnell vorbei. Es ist schon wieder Freitag und damit für mich wieder einmal Zeit, sich hier im Freitags-Special mit einer besonders ausgefallenen oder spannenden Idee aus der Fantastik auseinanderzusetzen. Heute ist es, wie letzte Woche, wieder eine interessante Idee aus einem Film, mit der ich mich beschäftigen möchte.

Die dieswöchige allerdings ist im Gegensatz zur Letzten düster, melancholisch und stimmt nachdenklich. Es geht um das Ausgangsszenario des 2006 erschienenen Films Children of Men von Alfonso Cuarón mit Clive Owen in der Hauptrolle. Vor allem dessen dargestellten gesellschaftlichen Auswirkungen erscheinen interessant.

Kurzum: Seit fast zwei Jahrzehnten werden keine neuen Kinder mehr auf der Erde geboren. Die Ursachen sind nicht hinlänglich bekannt, es wird ein Virus als Auslöser vermutet. So oder so, es gibt kein Heilmittel, alle wissenschaftlichen Bemühungen laufen ins Leere. Die Menschheit steht vor ihrem Ende.

Children-of-Men-Logo
Clive Owen in der düsteren Welt von Children of Men

Das Dramatische an diesem Szenario ist wohl die Art und die Unausweichlichkeit des Endes. Kein apokalyptisches Ereignis, kein einschlagender Meteorit, keine Epidemie, die Menschen wie die Fliegen sterben lässt, keine todbringende Invasion technologisch überlegener Außerirdischer. Stattdessen ein langsames, stilles „Lebewohl Menschheit“.

Am Spannendsten sind bei diesem finsteren Szenario wohl die gesellschaftlichen Auswirkungen, die in dem Film gezeigt werden. Depressionen und Terror breiten sich in der Gesellschaft aus, entweder die Menschen resignieren oder sie schließen sich Organisationen an, die mit Gewalt für Veränderungen kämpfen. Die öffentliche Ordnung ganzer Staaten zerfällt regelrecht, während Andere – im Falle von Children of Men Großbritannien – durch die Etablierung eines kompromisslosen Polizeistaates versuchen nicht von der Welle aus Anarchie und Chaos mitgerissen zu werden.

Man fragt sich als Zuschauer den ganzen Film über, wie realistisch solch ein Szenario sein mag. Nicht die plötzlich auf null sinkende Fertilität, sondern die Art, wie die Menschheit mit dieser umgeht. Würde in unserer modernen, globalisierten, zivilisierten Welt ab morgen plötzlich kein einziges Kind mehr geboren, würden wir uns panisch selbst zugrunde richten? Oder würden wir mit den Schultern zucken und weiter unserem Tagwerk nachgehen, arbeiten, Bücher lesen, Serien anschauen und im Supermarkt einkaufen gehen? Einsam würde es freilich für die letzten geborenen Kinder werden, wenn viele Jahrzehnte vergangen und alle Anderen schon Geschichte sind.

So traurig und düster dieses filmische Szenario auch anmutet, so spannend ist es, über die möglichen Konsequenzen nachzudenken, so interessant ist die Idee an sich. Ein Glück, dass die Wahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung in der realen Welt verschwindend gering ist und wir uns weiter im filmischen Elfenbeinturm mit diesen Ideen beschäftigen können.

The Invitation – Karyn Kusama – Filmkritik

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Einleitende Worte

Ein entspannter Abend mit einem Thriller und einer Tasse Tee sollte es werden. Und da empfahl Netflix mir The Invitation. Nach dem Anschauen des wirklich stimmungsvoll gestalteten Plakats und des Trailers stieg die Neugier und Neugierde ist wohl immer der beste Indikator, sich einen Film einmal anzuschauen. The Invitation mag auf den ersten Blick ein wenig wirken wie eine finstere Version von Gott des Gemetzels des Regisseurs Roman Polanski, stellt sich am Ende allerdings doch als ziemlich anders heraus, was vor allem mit seiner Genrezuordnung zusammenhängt.

Der 2016 veröffentlichte Film von Karyn Kusama, die sich auch für Aeon Flux und Jennifers Body verantwortlich zeichnet, hat eine Laufzeit von 100 Minuten und ist aktuell bei Netflix in der Flatrate zu sehen. Diesen Film einem Genre zuzuordnen ist schwierig, der englischsprachige Wikipedia-Artikel listet ihn als Horror-Thriller, Netflix ebenfalls in der Kategorie Horror.

Ich selbst halte die Einordnung in das Genre des Horrors allerdings für problematisch. Grundsätzlich ist die Einordnung des Films schwierig, was auch seine größte Schwäche darstellt. Der Aufbau von The Invitation folgt der Spannungskurve eines klassischen Thrillers, wobei sich die Horror-Elemente in engen Grenzen bewegen. Für ein Drama allerdings, wie der bereits oben angeführte Gott des Gemetzels, ist die Figurenkonstellation zu flach, sind die Charaktere nicht tief genug gezeichnet. Damit steht der Film ein wenig zwischen den Stühlen und genau das ist es auch, was zu seinem großen Problem wird.

Handlungszusammenfassung

Seit zwei Jahren hat Will (Logan Marshall-Green) nichts mehr von seiner Ex-Frau Eden (Tammy Blanchard) gehört, als plötzlich eine Einladung zum Essen ihn und seine neue Freundin Kira (Emayatzy Corinealdi) ins Anwesen von Eden und ihrem neuen Mann David (Michiel Huisman) beruft. Einige weitere Freunde aus alten Tagen und ein paar neu gewonnene Bekannte des Gastgeber-Pärchens sind ebenfalls Teil der Abendgesellschaft.

Die anfangs oberflächlich angenehme Zusammenkunft wird mit der Zeit immer seltsamer, während in Will Stück für Stück Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Eden wach werden und gleichzeitig Sadie (Lindsay Burdge), eine Bekannte von David, heftig anfängt mit Will zu flirten. Stück für Stück gerät das soziale Gefüge immer mehr aus dem Gleichgewicht.

Der Trailer

Rezension

Eine Einladung zum Essen bei Freunden, die man lang nicht mehr gesehen hat. Welch ein Vergnügen. Dass solch eine Einladung allerdings ebenso das Potenzial hat, sich zu einem ziemlichen Alptraum auszuwachsen, kann man sich wohl vorstellen. Sind allerdings im wahren Leben oftmals übermäßiger Alkoholkonsum, nervige neue Bekannte oder charakterliche Veränderungen von alten Freunden die Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hat, ist es in diesem Film die seltsame, nahezu groteske Grundstimmung, die sich wie ein undurchdringlicher Nebel über die Szenerie legt.

Die Grundidee der langsam eskalierenden Zusammenkunft von Freunden, ist hochinteressant und bietet viel Raum für spannende Charakterstudien. So hat bereits die Verfilmung des bekannten Theaterstücks Gott des Gemetzels gezeigt, welche Möglichkeiten solch ein Szenario bietet. Die Idee von The Invitation, diese Konstellation auf die Spitze zu treiben und in das Gewand eines Thrillers zu kleiden, ist großartig. Leider hat der Film einige Schwächen, die das Gesamtbild trüben.

Da wäre zunächst die bereits in der Einleitung erwähnte Tatsache, dass The Invitation sich nicht auf ein Genre festlegt. Für einen Horror-Film ist er visuell zu zahm, für einen Thriller sind die Spannungskurven nicht klar genug gezeichnet. So braucht es recht lang, bis sich nach dem Auftakt wirklich interessante Dinge ereignen, was den Zuschauer für längere Zeit zwar in den Status eines allgemeinen Unwohlseins mit der seltsamen Situation, in der sich die Protagonisten befinden, versetzt, allerdings oft die unbewusste Frage aufwirft, wann es denn nun endlich losgeht, wann wichtige Handlungselemente etabliert werden. So nimmt sich The Invitation sowohl für die Darstellung des Beziehungsgeflechts der Protagonisten als auch für die Etablierung der Spannung nicht genug Zeit.

Sehr sympathisch allerdings ist der Verzicht auf allzu explizite Gewaltdarstellungen, wegen derer ich normalerweise alles was nicht in Richtung Psycho-Horror geht, vermeide. Grundsätzlich ist die visuelle Ästhetik des Films ziemlich beeindruckend. Die meisten Bilder wirken detailliert ausgearbeitet und mühevoll komponiert, gerade am Beginn des Films.

Die größte Stärke von The Invitation stellt das konstante Level an Groteske, die „Weirdness“ – der Leser möge entschuldigen, leider fällt mir keine wirklich gute deutschsprachige Entsprechung dieses Wortes ein – dar, die den ganzen Film über präsent ist. Bis zum Finale ist die dauerhafte Frage präsent: Was zum Teufel stimmt hier eigentlich nicht? Die Fassade des angenehmen Abendessens wird recht lang aufrecht erhalten und es sind lediglich Kleinigkeiten, die dafür sorgen, dass der Protagonist Will sich sichtlich unwohl in seiner Haut fühlt. Seltsamerweise scheint er der Einzige zu sein, dem es so geht.

Einen Kardinalsfehler allerdings erlaubt sich dieser ansonsten insgesamt unterhaltsame und vor allem ästhetisch gut komponierte Film: Das Ende. Hier soll natürlich nicht zu viel verraten werden, aber der Ausgang der gesamten Situation ist leider keine besondere Überraschung, der ganze Film arbeitet auf ein solches Finale hin, das macht es leider offensichtlich und schöpft das durchaus vorhandene Potenzial leider nicht ansatzweise aus.

Insgesamt ein Film, der gut unterhält, ein interessantes Kammerspiel mit besonderer Ästhetik. Gerade Eden (Tammy Blanchard) hat in ihrem weißen Kleid eine ganz wunderbare, nahezu ätherisch wirkende Ausstrahlung. Grundsätzlich sind die Schauspielleistungen in The Invitation wirklich solide. Außerdem ist die unterschwellige groteske und seltsame Stimmung großartig komponiert. Leider macht all dies die beiden größten Mankos des Films nicht wieder wett. Das nicht allzu überraschende Ende und die Entscheidungslosigkeit ob des Genres tun dem gesamten Seherlebnis leider einen Abbruch. Hätte The Invitation sich eindeutig dafür entschieden, ein Drama oder Thriller zu sein, er wäre ein großartiger Film geworden. So allerdings hat er mich nicht restlos überzeugt und ich vergebe solide 6 von 10 Punkten.

Referenzen

The Invitation auf Netflix

Filmkritik auf „der Filmkritiker Blog“

Filmkritik bei „unperfection1“

Der unsichtbare Gast – Oriol Paulo – Filmkritik

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Einleitende Worte

Nachdem ich im – nebenbei bemerkt, wirklich empfehlenswerten – Podcast Nerdtalk die Kritik zu Der unsichtbare Gast hörte, war ich sehr gespannt auf den Film, zumal sich meine Erfahrung mit spanischen Produktionen bisher auf eine recht kleine Auswahl von Filmen beschränkt. Der letzte, den ich sah war der Horrorfilm REC, den ich, am Rande bemerkt, wirklich gut fand. Da Der unsichtbare Gast aktuell in der Flatrate von Netflix enthalten ist, bot es sich geradezu an, ihn einmal anzuschauen.

Der spanische Regisseur Oriol Paulo, der mir, wenn ich ehrlich bin, bisher unbekannt war, schrieb das Drehbuch und führte Regie bei diesem 110 Minuten langen, 2016 erschienenen, Thriller. Mario Casas, Ana Wagener, José Coronado und Barbara Lennie spielen die Protagonisten.

Handlungszusammenfassung

Der erfolgreiche Unternehmer Adrian (Mario Casas) wird desorientiert von der Polizei in einem Hotelzimmer aufgefunden. Neben ihm seine Geliebte Laura (Bárbara Lennie), brutal erschlagen. Die Türkette ist vorgelegt, Adrian allein im Zimmer, alle Indizien sprechen gegen ihn, er plädiert allerdings äußerst überzeugend darauf, unschuldig zu sein. Nach der Festnahme durch die Polizei sucht er sich Hilfe bei der berühmten Staranwältin Virginia Goodman (Ana Wagener), die mit diesem Fall ihren letzten großen Coup vor ihrer Pensionierung landen möchte.

Die Anwältin versucht mit recht unkonventionellen und harschen (Verhör-)Methoden die konkreten Abläufe der Tatnacht aus Adrian herauszubekommen. In Rückblenden erfährt der Zuschauer Stück für Stück den Gang der Ereignisse, der in die gegenwärtige Situation geführt hat. Dieser weist allerdings teils mehrmals starke Abweichungen auf, je nach gerade erzählter Version. Mit der Zeit fügen sich jedoch die einzelnen Teile zu einem größeren Ganzen zusammen.

Es ist schwierig, hier nicht zu viel zu verraten, deshalb möchte ich in dieser Rezension weitestgehend vermeiden, auf den Inhalt der Rückblenden einzugehen.

Der Trailer

Rezension

Der erste Gedanke, der mir nach der Sichtung dieses Films in den Sinn kam: Im Grunde ist es ein mentales Schachspiel. Ein Spiel zwischen ungefähr gleich starken Gegnern, das jederzeit durch ein geschicktes Manöver beendet werden kann. An beiden Seiten des Tisches sitzen Adrian und Virginia und anstatt Figuren auf einem Brett zu verschieben um die strategische Hoheit zu gewinnen, nutzen sie Worte, Erklärungen, Aussagen, Details.

Die Phasen des Films sind ebenfalls dieselben wie beim Schach: Das Verhör beginnt mit einer recht unspektakulären Exposition, mit einer Klärung der offensichtlichen Tatsachen. Danach beginnen beide Spieler durch Analyse von Details, die durch wunderbar inszenierte Rückblenden visualisiert werden, eine zunächst sanfte Konfrontation, die mit der Zeit immer härter wird. Vom spannend inszenierten Matt am Ende der Partie möchte ich hier natürlich nichts verraten.

Die Rückblenden sind der zweite Clou. Während des Verhörs erfährt der Zuschauer die vermeintliche Wahrheit des Tathergangs und der vorhergegangenen Ereignisse, kann sich aber niemals sicher sein, ob er hier nicht einer geschickt konstruierten Lüge aufsitzt. Dieses Spiel zwischen Lüge und Wahrheit wird bis zum Ende auf einem konstant hohen Niveau gehalten, sodass es als Zuschauer schwierig ist, sich eine abschließende Meinung zum Tathergang zu bilden. Das Rätselraten, das Kombinieren, macht Spaß bis zuletzt.

Auch die visuelle Gestaltung ist für einen Thriller mit der Thematik angemessen düster, es gibt recht viele Nahaufnahmen um die Mimik der Schauspieler zu unterstreichen, gerade in der Verhörsituation zwischen Virginia und Adrian.

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten und so hat auch der unsichtbare Gast einige Schwachpunkte. Womit ich am wenigsten warm geworden bin ist hier der Schauspieler des Protagonisten Adrian. Er wirkt an vielen, vor allem sehr emotionalen Stellen des Films, geradezu unterkühlt, die Mimik stets etwas distanziert, es ist als Zuschauer äußerst schwer ihn zu lesen. Mag sein, dass es sich hierbei um ein Stilmittel handelt, denn für Virginia ist Adrian anfangs sicher ein ebenso verschlossenes Buch. Trotzdem hätte ich mir wenigstens in den Rückblenden etwas mehr Minenspiel, etwas mehr Ausdruck, gewünscht.

Der zweite Kritikpunkt sind die (leichten) Logiklücken in der Handlung, insbesondere am Anfang der Rückblenden. So viel sei gesagt ohne zu viel zu verraten: Auslöser der Ereignisse ist ein, von einem über die Straße laufenden Hirsch, verursachter Autounfall. Ein Unfall, der ohne menschliches Zutun, ohne wirkliche Schuld, ausgelöst wurde. Aber statt Polizei und Notarzt zu rufen werden hier stattdessen sehr fragwürdige Maßnahmen ohne eine wirkliche Not getroffen. Unverständlich, zumindest für mich. Von diesen Lücken gab es im Laufe der Handlung zwei bis drei, allerdings waren sie durchaus verschmerzbar.

Man ahnt es schon anhand der Rezension, mein persönliches Fazit für diesen Film fällt bis auf die kleinen Mankos positiv aus. Es gibt zwei, drei kleine Logiklücken in der Handlung, das Ende wirkt ein wenig zu konstruiert und der in den meisten Teilen des Films recht unbewegt dreinschauende Hauptdarsteller ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber das sind wirklich nur kleine Kritikpunkte, wenn man den puren Unterhaltungswert dieses Thrillers zugrunde legt. Wie elegant im Rahmen des Verhörs die Details zu einem größeren Ganzen zusammengefügt werden, wie wunderbar geschickt eingewoben kleine Details in den Rückblenden immer wieder abweichen. Nicht zu vergessen, dass Bárbara Lennie als Laura Vidal hier eine wirklich wunderbare Performance als Femme Fatale abliefert, ihr kritischer Blick in die Kamera allein hat schon einen großen Schauwert.

So bekommt Der unsichtbare Gast von mir insgesamt 8 von 10 möglichen Punkten.

Referenzen

Der unsichtbare Gast auf Netflix

Kritik von NerdTalk