H.P. Lovecraft – Die Faszination des kosmischen Horrors

Ein böses Spiegeluniversum

Jeder Literaturinteressierte kennt wohl mehrere Schriftsteller, deren Werke er tief bewundert, von deren Schaffen er beeindruckt ist und deren Ideen und sprachliche Eleganz ihm größten Respekt abnötigen. Für mich ist einer dieser Schriftsteller neben Dan Simmons und Brandon Sanderson – zu deren Romanen ich hier sicher auch noch einmal ein paar Zeilen schreiben werde – der US-Amerikaner Howard Phillips Lovecraft.

Warum? Dem möchte ich hier auf den Grund gehen, denn eigentlich bin ich ganz persönlich im Grunde unverbesserlicher, humanistischer Zukunftsoptimist. Lovecraft hingegen zeichnet zu dieser Weltsicht einen düsteren, geradezu hoffnungslosen Gegenentwurf. Gott ist nicht nur im Sinne Nietzsches tot, die Götter sind wahnsinnige, grausame, brutale, rücksichtslose Wesenheiten von weit außerhalb unseres bekannten Universums.

Lovecrafts Leben war auf alle Fälle zu kurz, trotzdem hat er neben vielen Kurzgeschichten auch Gedichte und Essays verfasst, in manchen Fällen auch gemeinsam mit anderen Autoren. Bei näherem Interesse an seinem Leben und Schaffen möchte ich auf die Seite des Festa Verlages verweisen, der eine schöne Kurzbiographie formuliert hat.

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Ein Blick in die Sterne: In unserer Welt voller Schönheit, bei Lovecraft voll verborgener Schrecken

Hier aber soll es nicht um sein Leben, sondern um seine Weltsicht gehen, um den „Cosmic Horror“. Und der ist frei von jedweder Hoffnung, frei von menschlicher Selbstbestimmung, frei von Bedeutung und Triumph. Die Menschheit ist nicht mal ein Spielball auf dem Schachbrett bedeutenderer Mächte, sie ist schlichtweg irrelevant für diese und könnte mit einem simplen Gedanken mächtigerer Spezies ausgelöscht werden. Sicher macht diese Tatsache einen Teil des Reizes aus, denn die schiere Größe, die Unbegreifbarkeit des von ihm geschaffenen, bösen Spiegeluniversums, lässt uns klein und unbedeutend erscheinen. Und ist nicht Hilflosigkeit im Angesicht einer gewaltigen, übermenschlich großen Bedrohung, eine der schrecklichsten Emotionen, die man empfinden kann? Der zutiefst menschliche Kern, auf den sich der Begriff des Horrors reduzieren lässt?

Horror im wirklich großen Maßstab

Viele Autoren schreiben über den täglichen Horror, über Mord und Totschlag, über außer Kontrolle geratene wissenschaftliche Experimente, ja teils sogar über von Dämonen besessene Alltagsgegenstände. Stephen King schafft es in seiner Erzählung Der Buick sogar etwas so Unspektakuläres wie ein Auto als großen Antagonisten zu etablieren. Hier liegt der Horror sozusagen ganz nah vor der eigenen Haustür, bei verrückt gewordenen Nachbarn oder bei seltsamen Kreaturen, die des Nachts durch den eigenen Garten oder über den Dachboden schleichen. Alltagsnaher Horror.

Genau demgegenüber ist Lovecrafts kosmischer Horror angesiedelt, der Alltag ist hier fern, sehr fern. Das beginnt bereits bei den Protagonisten, die zumeist hochgebildete und angesehene Adlige oder Wissenschaftler aus der amerikanischen Oberschicht sind und endet mit den Schauplätzen. Die Miskatonic University, bekannt für ihre parawissenschaftlichen Forschungen, die fiktiven Städte Arkham und Innsmouth, in denen ein ständiges Gefühl düsterer Bedrohung präsent ist und sich seltsame Vorkommnisse häufen, das wahrscheinlich allseits bekannte, wenngleich fiktive, Necronomicon, geschrieben vor Jahrhunderten von einem Autor am Rande des Wahnsinns. All diese Handlungselemente haben keinerlei Alltagsrelevanz, denn sie strahlen eine Art von Zeitvergessenheit aus, spielen allesamt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Und trotzdem, oder genau aus diesem Grunde, faszinieren sie.

Neben dem Necronomicon, oft in Filmen und Romanen referenziert, sind Cthulhu und die alten Götter wohl die bekanntesten Schöpfungen des Autors. Götter, die hinter den Sternen leben und das Leben der Menschheit beeinflussen oder vor langer Zeit einmal beeinflusst haben. Götter, die die angesehensten und besten Wissenschaftler und Gelehrten nicht mit ihren Sinnen fassen können ohne ob ihrer puren Schrecklichkeit dem Wahnsinn anheim zu fallen. Bei Lovecraft ist es auch der Maßstab, der die Dinge interessant macht, es ist die schiere, übermenschliche Größe seiner Schöpfungen, die den Horror erzeugen. Alles ist monumental und für den menschlichen Geist nahezu unfassbar. Alte außerirdische Völker, die vor Äonen mit schrecklichen Waffen Kriege gegeneinander führten, Verwirrende Rituale, alte Artefakte und Orte, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr betreten hat, tragen wohl zur finsteren Stimmung bei.

Einen seltsamen Sog erzeugt auch die Mystik, das Paranormale, die Geisterhaftigkeit, die die Handlung vorantreiben. Okkulte und seltsam anmutende religiöse Kulte, die vollkommen verdrehte Traumwelt der Dreamlands, all dies erzeugt das Gefühl, nur ein winziger Teil einer viel gewaltigeren Welt zu sein, einer Welt, die dem Menschen nicht gewogen ist. Und genau dies ist es wohl, das neben seinem besonderen, adjektiv-lastigen Schreibstil, die Faszination von H.P. Lovecraft ausmacht.

Lovecrafts unbekanntere Gedichte

Während besonders die Kurzgeschichten von ihm recht bekannt sind, haben Lovecrafts Gedichte gerade im deutschsprachigen Raum weniger Verbreitung gefunden. Es mag daran liegen, dass man sich auf das altmodische Englisch nun doch etwas einstellen muss. In jedem Falle lohnt es sich, sie einmal zu lesen, denn sie erzeugen dieselbe ganz besondere Stimmung, diese seltsame Mischung aus Faszination und einem Gefühl für die schier unendliche Größe des von Lovecraft geschaffenen Universums. Ein feindliches, finsteres Universum zwar, nichtsdestoweniger eine faszinierende Welt.

Astrophobos ist neben The City mein absolut liebstes Gedicht von Lovecraft, weshalb ich es hier gern teilen möchte –Die Urheberrechte an seinem Werk sind mittlerweile erloschen, weshalb ich den Text an dieser Stelle direkt einbinden kann. Ein Vorteil der ausgelaufenen Urheberrechte sind übrigens auch seine frei im Internet zur Verfügung stehenden Texte. Zwei meiner liebsten Erzählungen habe ich unten einmal in ihrer deutschen Übersetzung verlinkt. Gerade Berge des Wahnsinns nutzt wohl alle Stilelemente, die den Cosmic Horror so interessant machen.

Übrigens ist Phobos der griechische Gott der Furcht und des Chaos. Ja, die Weite der Sterne mit den zutiefst menschlichen Urängsten vereinen, darin war Lovecraft ein wahrer Meister. Auch wenn man zumeist froh bin, nicht dauerhaft in Lovecrafts Gedankenwelt festzustecken, ist er ein Garant für eine wunderbare Abendlektüre, sowohl in lauen Sommernächten als auch im tiefsten, verschneiten Winter.

Astrophobos    

In the midnight heavens burning
Thro’ ethereal deeps afar,
Once I watch’d with restless yearning
An alluring, aureate star;
Ev’ry eye aloft returning,
Gleaming nigh the Arctic car.

Mystic waves of beauty blended
With the gorgeous golden rays;
Phantasies of bliss descended
In a myrrh’d Elysian haze;
And in lyre-born chords extended
Harmonies of Lydian lays.

There (thought I) lies scenes of pleasure,
Where the free and blessed dwell,
And each moment bears a treasure
Freighted with a lotus-spell,
And there floats a liquid measure
From the lute of Israfel.

There (I told myself) were shining
Worlds of happiness unknown,
Peace and Innocence entwining
By the Crowned Virtue’s throne;
Men of light, their thoughts refining
Purer, fairer, than our own.

Thus I mus’d, when o’er the vision
Crept a red delirious change;
Hope dissolving to derision,
Beauty to distortion strange;
Hymnic chords in weird collision,
Spectral sights in endless range.

Crimson burn’d the star of sadness
As behind the beams I peer’d;
All was woe that seem’d but gladness
Ere my gaze with truth was sear’d;
Cacodaemons, mir’d with madness,
Thro’ the fever’d flick’ring leer’d.

Now I know the fiendish fable
That the golden glitter bore;
Now I shun the spangled sable
That I watch’d and lov’d before;
But the horror, set and stable,
Haunts my soul for evermore.

H.P. Lovecraft

 

Referenzen

Der Außenseiter

Berge des Wahnsinns

Kinder des Nebels – Brandon Sanderson – Buchkritik

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Einleitende Worte

Der erste klassische High-Fantasy-Roman, den ich im Rahmen dieses Blogs vorstellen möchte. Und natürlich ist es eine Geschichte von Brandon Sanderson. Sind Simmons, Asimov und Hamilton meine persönlichen Sterne am Himmel der Science-Fiction-Literatur, nimmt Sanderson im Bereich der Fantastik neben Steven Erikson und vielleicht Tad Williams denselben Stellenwert für mich ein. Nun also die Kinder des Nebels. Ob dieser Roman wohl die hohen Erwartungen an einen meiner persönlichen Lieblings-Autoren erfüllen konnte? Ja! Auf jeden Fall!

In der deutschen Ausgabe 2009 bei Heyne erschienen ist Kinder des Nebels der erste Roman einer Trilogie. Neben dieser gibt es noch drei weitere Bücher, welche zwar in derselben Welt spielen, die Geschichte aber nicht direkt fortsetzen. Kinder des Nebels kommt insgesamt auf knapp 900 Seiten und was soll ich sagen? Es hätten ruhig noch einmal 900 mehr sein können!

Handlungszusammenfassung

Die Rebellion ist gescheitert. Vor tausenden von Jahren schon. Seitdem rieselt Asche auf die Welt, ein finsterer, gottgleicher Herrscher regiert das Land mit eiserner Härte. Eine straff organisierte Inquisition mit magischen Fähigkeiten unterdrückt alle Anzeichen aufkommenden Aufruhrs, die Menschen haben sich schon vor langer Zeit ihrem traurigen Schicksal ergeben und senken das Haupt vor der Willkürherrschaft. Es ist die Zeit des letzten Reiches.

Einige Wenige verfügen über die seltene Gabe der sogenannten Allomantie. Sie können Metalle und Metalllegierungen manipulieren, sie in reine Energie umwandeln oder diverse andere Aktionen mit ihnen ausführen. Jedem Metall wohnt dabei eine ganz besondere Kraft inne. Magiebegabte werden von der Inquisition noch gnadenloser verfolgt als bloße Rebellen.

Vin, Bettlerin und aufgewachsen im Prekariat, in der untersten Schicht der Hauptstadt Luthadel, ist solch eine Magiebegabte, eine Allomantin. Als sie ihre Fähigkeiten entdeckt, wird der gerissene Überlebenskünstler Kelsier auf sie aufmerksam, ebenfalls Allomant und Überlebender der letzten Säuberungsaktionen, bei denen Magiebegabte gnadenlos hingerichtet wurden. Er wird Vins väterlicher Freund, ihr Lehrer und Mentor, der sie in ihrer Gabe unterstützt und anleitet. Gemeinsam starten sie unter größten Gefahren Guerilla-artige Sabotageaktionen gegen das Regime.

In der Oberschicht von Luthadel hat Elant, Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie, seinen eigenen Kampf auszutragen. Ein herrschsüchtiger, sadistischer Vater, eine abwesende Mutter und endlose Bälle und gesellschaftliche Zusammenkünfte, die ihn langweilen und abstumpfen lassen, bestimmen seinen Alltag. Intelligent und belesen, wehrt Elant sich auf eigene Weise gegen das herrschende System, verzweifelt aber immer mehr an seiner Situation.

Rezension

Es ist düster in der Welt, die Sanderson zeichnet. So düster, dass man als Leser bald selbst die Ascheflocken vor dem Fenster sieht und nur darauf wartet, dass die unnachgiebige Inquisition mit einem lauten Pochen an die Tür klopft. Der Aufbau der Welt macht Eindruck, er erzeugt Beklemmung beim Leser und eine triste Stimmung der Ausweglosigkeit.

Das letzte Reich. Man lasse sich nur einmal den Namen auf der Zunge zergehen. Er impliziert, dass diese finstere Herrschaft ewig währen wird, dass es keinerlei Sinn macht, sich gegen den allmächtigen, den gottgleichen obersten Herrscher aufzulehnen. Ja, so muss die Stimmung in Luthadel sein. Ich kann den Schmutz und die Asche auf den Straßen der Hauptstadt quasi noch immer riechen, obwohl es nun doch schon etwas länger her ist, dass ich den Roman das letzte Mal las.

Aber nicht nur der Aufbau der Welt ist großartig gelungen, den Kern der ganzen Geschichte stellt das detailliert ausgearbeitete Magiesystem dar. Magie in Fantasy-Welten, die nicht nach spezifischen Regeln funktioniert, weist das Problem auf, für den Leser schnell unglaubwürdig zu werden.

Sanderson allerdings bedient sich eines Tricks um diesen „Deus ex Machina“-Moment zu umgehen. Er beschreibt die zugrundeliegenden Regeln offen, stellt sie so natürlich dar und tariert sie so kunstvoll aus, dass man sich fragt, wie man jemals einen High Fantasy Roman lesen konnte, der über kein dermaßen ausgearbeitetetes Magiesystem verfügte. Die Allomantie ist neben dem World-Building die zweite große Stärke von Kinder des Nebels.

Die dritte Säule, auf der dieser Roman ruht, sind die Charaktere. Diese zeichnet Sanderson beeindruckend tief und detailliert, ohne jedoch ins Melodramatische abzurutschen. Vins Verzweiflung und Schmerz ob ihrer traurigen Existenz im Matsch Luthadels, Elants  Abgestumpftheit gegenüber all der Oberflächlichkeit, mit der der Adel unterhalten werden soll, Kelsiers inneren Charakterzwist, all das fühlt man geradezu mit, all das fügt sich äußerst elegant in die Welt des letzten Reiches ein und bleibt dabei immer nachvollziehbar und verständlich.

Und diese Charaktere entwickeln sich weiter, aus der anfänglichen Statik entwickelt sich eine spannende Dynamik. Aus tiefster Depression und Schmerz erwächst ein winziges Fünkchen Hoffnung. Ein erstes Fünkchen Hoffnung, das in dieser düsteren, von Asche bedeckten Welt anfangs erst einmal nicht lang bestehen kann, so viel sei verraten.

Die Charaktere in diesem Roman sind keine Rebellen, die Rebellion ist anders als in anderen Werken nicht organisiert, es handelt sich nicht um große Helden, sondern um bloße Überlebende eines Unrechtsregimes, deren Hoffnung auf ein besseres Leben noch nicht gänzlich erloschen ist. Überlebende, die Hoffnung bloß als zartes Pflänzchen kultivieren, nicht als realistische Chance eines ernsthaften Umsturzes wie beispielsweise die Rebellenallianz in Star Wars.

Es existiert kein südliches Königreich, das alsbald zur Hilfe kommt, sobald die Rebellion beginnt. Es gibt keinen geheimen Verbündeten, der von außerhalb der bekannten Welt Soldaten und Verpflegung schickt. Es gibt nur drei Menschen, die sich noch nicht gänzlich tiefster Depression hingegeben haben und die im Laufe dieser Geschichte jeder für sich einen wahnwitzigen Guerilla-Krieg wider jeder Vernunft führen. Dabei ist die Angst aufzufliegen omnipräsent und nahezu mit Händen greifbar.

Was für ein Ritt! Was für Charaktere! Als Fazit vergebe ich – und das wird sicher die absolute Ausnahme im Rahmen dieses Blogs bleiben – volle 10 von 10 Punkten. Sanderson baut eine entsetzlich düstere Welt mit einem der kreativsten Magiesysteme, die ich je lesen durfte, und bevölkert diese Welt mit Charakteren, in die man sich allesamt hineinversetzen kann, mit denen man auf tiefer Ebene mitfühlt. Und auch die Handlung ist ausgefallen und weicht weit ab von dem typischen Fantasy-Klischee, nach dem es vielleicht in der Inhaltszusammenfassung noch klingt. Nein, das hier ist nicht bloß die einhundertste unoriginelle Geschichte eines traurigen Bettler-Mädchens, das die Magie in sich entdeckt. Das hier ist die Geschichte von Menschen, die sich auch in der schlechtesten aller Welten ein kleines bisschen Hoffnung, ein klein wenig Rebellion bewahren.

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Ein Interview mit Brandon Sanderson

Kurzer Überblick über die verschiedenen Fantasy-Genres (englisch)

Die Krone der Sterne – Kai Meyer – Buchkritik

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Einleitende Worte

Die Krone der Sterne war mein erster Roman von Kai Meyer, weder habe ich die allseits bekannten und gelobten Wellenläufer gelesen noch eine seiner anderen zahlreichen Geschichten. Meine Voreingenommenheit hielt sich also in Grenzen, als ich begann, Die Krone der Sterne zu lesen. Nun, nicht ganz, denn der Klappentext hat durchaus das Potenzial dem Science-Fiction-Fan und begeisterten Leser großer Space Operas einen mentalen Freudenschrei zu entlocken. Die vielen positiven Kritiken nach Erscheinen taten ihr Übriges, die Begeisterung noch zu steigern.

Ja, die Krone der Sterne ist eine klassische Space Opera, erschienen im Fischer|Tor Verlag und kommt auf gute 460 Seiten. Viel Lesestoff also für den geneigten Science-Fiction-Nerd. Gepriesen als groß angelegte Space Opera oder auch vom Verlag als „Space Fantasy“ beworben hat dieses Buch mit seinem wirklich schön gestalteten Cover meine Aufmerksamkeit erregt.

Wenn es ein Subgenre der Science-Fiction gibt, das einlädt zum Träumen, zum Nachdenken über große Zukunftsvisionen, zum grenzenlosen Eskapismus in eine andere Welt, dann ist es wohl das der Space Opera. Aus genau diesen Gründen schätze ich dieses Genre und aus genau diesen Gründen haben die Hyperion-Gesänge von Dan Simmons, die Romane des genialen Isaac Asimov oder der Kultur-Zyklus von Ian Banks bei mir großen Eindruck gemacht. Ebenso wie die Star Wars Filmreihe und Star Trek (ja, es ist durchaus möglich beides zu mögen ohne sich innerlich zu zerreißen ;-))

Umso mehr stieg also die Spannung, als ich die ersten Seiten aufschlug und begann, die Krone der Sterne zu lesen.

 

Handlungszusammenfassung

Das galaktische Reich Tiamande. Nachdem der unnachgiebige Maschinenherrscher in einer Rebellion gestürzt wurde, haben die Hexen des Kamastraka-Ordens die Herrschaft übernommen, angeführt von der geheimnisvollen Gottkaiserin. Die Hexen beziehen ihre Macht, eine nahezu magische Energie, aus der Strahlung eines schwarzen Lochs, das vor langer Zeit einmal die Galaxis durchquerte. Die Hexen herrschen mit ebenso großer Härte wie der gestürzte Maschinenherrscher, sie verboten alle Formen der künstlichen Intelligenz und bauten gewaltige Raumschiffe, deren visuelle Merkmale an diejenigen gotischer Kathedralen erinnern.

Die adelige Tochter eines recht unbedeutenden lokalen Herrschers aus den abgelegenen äußeren Baronien, Iniza, wird als Braut der Gottkaiserin ausgesucht und unter Zwang gemeinsam mit ihrem Leibwächter und heimlichen Geliebten Glanis auf einem Raumschiff in Richtung der Thronwelt der Kaiserin verbracht. Bei ihrem gemeinsamen Versuch zu fliehen treffen sie Kranit, einen gealterten Kopfgeldjäger und Shara Bitterstern, eine sogenannte Alleshändlerin, Schmugglerin wäre ein ebenso passender Begriff, und werden von diesen bei ihrem Vorhaben, Iniza in Sicherheit zu bringen, unterstützt.

 

Rezension

Wer hat beim Lesen der kurzen Handlungszusammenfassung Lust auf das Buch bekommen? Gottkaiserin, Maschinenherrscher, Hexenorden, Rebellion? In Raumschiffen. die aussehen wie gotische Kathedralen? Immer her damit! So ging es mir jedenfalls, groß angelegte und gut ausgearbeitete Welten entfesseln ihre ganze eigene Faszination und diese Welt klingt auf den ersten Blick einfach großartig.

Jetzt kommt leider das große „Aber“, die große Enttäuschung und es tut fast leid, es so zu schreiben, denn alles klang so vielversprechend: Die Ausgestaltung des Romans ist an vielen Stellen leider einfach nur schlecht, die Details vollkommen vernachlässigbar, manchmal kaum vorhanden. Das auf den ersten Blick großartig klingende World-Building nutzt sein Potenzial kein bisschen, mehr als die von mir in einem kleinen Absatz zusammengefassten Informationen erhalten wir im gesamten Buch nicht über die Welt, über das große Ganze.

So viel zur Enttäuschung über die, auf den ersten Blick so vielversprechend wirkende, Welt von Tiamande. Die Ansätze sind da, sie klingen so gut und als Leser möchte man geradezu schreien „Gib mir mehr davon!“, Meyer allerdings weigert sich beharrlich, weitere Informationen zu liefern.

Stattdessen wagt der Autor mit vollen Händen den Griff in die prall gefüllte Stereotypen-Kiste der Weltraumopern. Da wären:

  • Iniza, die klassische Weltraumprinzessin, muss sich von ihrem Geliebten, der gleichzeitig ihr Leibwächter ist, des Öfteren retten lassen
  • Shara Bitterstern, der Prototyp eines weiblichen Han Solo
  • Kranit, der weise Mentor mit der geheimnisvollen Krieger-Ausbildung, der auf fast jede Frage eine Antwort weiß
  • Glanis, der Leibwächter-Geliebte, der nicht viel sagt und nicht viel tut, außer Iniza zu retten

Wer sich hier verwirrt die Augen reibt, weil Vieles so bekannt vorkommt, der wird sich über den weiteren Verlauf der Handlung noch wundern. Auf größere Spoiler soll hier aber natürlich verzichtet werden. Noch zu erwähnen ist vielleicht, dass die Schmugglerin Shara das schnellste Raumschiff in der Galaxis fliegt, dessen Äußeres unscheinbar und heruntergekommen wirkt, das aber jedes imperiale… oh sorry, falsche Welt… jedes Schiff der Gottkaiserin abhängen kann.

Die Vermeidung von Klischees ist gerade in der Genre-Literatur nicht immer möglich, ja auch gar nicht zwingend, denn wenn sie kreativ kombiniert werden, dann können Stereotype dem Leser durchaus eine gewisse Heimat bieten, die Möglichkeit einer außergewöhnlichen Geschichte in einer fremden Welt etwas besser zu folgen. Kommen allerdings zu viele Klischees zusammen, dann wirkt es als wäre die Geschichte lieblos aus dem großen Lego-Baukasten der Literatur zusammengebaut worden.

Nun, die Stereotypen und die detailarme Welt würde man als Leser vielleicht verzeihen, wenn denn die Charakterzeichnung, die Ausarbeitung der einzelnen Motive der Charaktere gut dargestellt wäre, wenn der Leser die Emotionen, Ängste und Ziele der Protagonisten mitfühlen könnte. Nur leider kann er es nicht, ganz und gar nicht. Alle Charaktere bleiben flach und eindimensional. Shara ist getrieben vom Wunsch nach Heimat, Kranit ist seit einem Vorfall ein gebrochener Mann und Iniza möchte ihr Leben einfach nur in Ruhe mit Glanis verbringen. So viel zu den Beweggründen. Nein, mehr kommt nicht.

Kann wenigstens die Handlung überzeugen? Nein, kann sie nicht. Das Adjektiv, dass dieser Handlung am besten gerecht wird, mag vielleicht belanglos sein. Möglicherweise auch unoriginell. Es ist nicht zu viel verraten: Die drei fliehen, treffen jemanden, der ihnen helfen kann, fliehen wieder, treffen noch jemanden, bevor es zum „großen Finale“ kommt. Naja, auch dessen Ausgang kann man sich als geneigter Science-Fiction-Fan schon denken.

So traurig es ist, aber für die Krone der Sterne bleiben von meiner Seite aus nur 3 von 10 möglichen Punkten übrig. Zu flach die Charaktere, zu groß der Griff in den Science-Fiction-Baukasten, zu belanglos die Handlung. Das können auch die guten Ideen beim Entwurf der Welt, der Hexenorden, der Maschinenherrscher nicht wieder wettmachen. Dafür wird einfach zu wenig von der Welt beschrieben. Schade, wirklich schade.

 

Referenzen:

Weltenflüstern-Podcast mit positiverer Gesamtwertung, aber ähnlichen Kritikpunkten

Was die Space Opera so besonders macht (Englisch)

 

Es – Stephen King – Buchkritik

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Einleitende Worte

Meine zweite Rezension im Rahmen dieses Blogs und schon mache ich mir Sorgen, mich weit, sehr weit aus dem Fenster der allgemein akzeptierten Meinungen zu lehnen. Aber nun ja, im Untertitel steht bereits die Subjektivität als Zustand festgeschrieben, weshalb ich mich nicht scheuen möchte, meine Meinung zu Stephen Kings Roman ES kundzutun. Manchmal muss man wohl gegen den Strom schwimmen, um nicht von ihm mitgerissen zu werden.

1986 auf deutsch erschienen ist ES von Stephen King wohl einer der bekanntesten Romane des Horror-Genres. 1990 bereits einmal verfilmt, soll dieses Jahr eine Neuverfilmung folgen, welche mich motiviert hat, mir das Buch endlich einmal durchzulesen. Viele Kritiker sind sich einig, dass der Roman zum Besten der Horror-Literatur gehört, was je veröffentlicht wurde. Ich habe dies anders empfunden und ich möchte im Folgenden gern ausführen, warum.

Trotzdem fühle ich mich bemüßigt zu sagen, dass ich das Genre der Horror-Literatur und auch Stephen King durchaus schätze. Neben Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“ ist der „Dunkle Turm“ von Stephen King eines der Bücher, bzw. Buchreihen, welche einen ganz besonderen Platz in der Horror-Ecke meines Bücherregals innehaben.

Gerade Lovecrafts Konzeption des „Cosmic Horror“ ist reizvoll, der Abgrund, den die Idee bietet, dass wir als menschliche Wesen allein in einem kalten, düsteren Universum leben, nur weil wir zu unbedeutend sind von mächtigen, kosmischen Wesenheiten auf einen Schlag ausgelöscht zu werden, spielt äußerst elegant mit der menschlichen Urangst der Einsamkeit, mit der Angst vor dem Unbekannten und Unheimlichen, mit der Angst vor dem Wahnsinn als Solchem. Vor der gewaltigen Leere des Alls Angst zu haben ist nur natürlich. Bei etwas Alltäglichem wie Clowns ist es wohl wesentlich differenzierter.

Handlungszusammenfassung

Die Handlung von ES in einigen Sätzen zusammenzufassen ist schwer. Es geht um die sieben Freunde Bill, Mike, Ben, Beverly, Richie, Eddie und Stan, die gemeinsam ihre Kindheit im Örtchen Derry in Maine verbracht haben und alle ihre eigenen Schwierigkeiten bewältigen mussten – diese reichen von Stottern über einen gewalttätigen Vater bis hin zu Hypochondrie und Fettleibigkeit. Die Sieben schließen sich zusammen und gründen den „Club der Verlierer“, verbringen viel Zeit miteinander in einer Gegend von Derry, die „Barrens“ genannt wird und recht dschungelähnlich daherkommt.

Schnitt. Viele Jahre später kehren die „Verlierer“, mittlerweile viel eher erfolgreiche Gewinner der Lotterie des Lebens, zurück nach Derry, weil eine seltsame Mordserie wieder begonnen hat. Die Erinnerungen der sechs – einer von ihnen nimmt sich aufgrund der Schrecklichkeit der Ereignisse vor der Reise das Leben – kommen langsam zurück, wie ein Schleier der sich Stück für Stück lüftet, so lang sie sich in Derry befinden. Die sechs müssen es, wie schon in ihrer Kindheit, mit einer übernatürlichen Wesenheit aufnehmen, die es vor allem auf die Emotionen von Kindern abgesehen hat. Mit der Zeit verschwimmt die Grenze zwischen Kindheit und erwachsen sein immer mehr.

Nun denn, das in aller Kürze, auch wenn eine zwei Absätze lange Zusammenfassung niemals einem 1500-seitigen Roman gerecht werden kann.

Rezension

Die Kindheit wird im Nachhinein von uns Erwachsenen gern verklärt, sehnsüchtig wird sich zurückerinnert an alte Freunde und alte Feinde und an die Einfachheit des Lebens. Der Fokus des Buches liegt auf ebendem, auf der Kindheit der Protagonisten. Im Grunde handelt es sich um einen Entwicklungsroman mit Horror-Elementen. Und genau das macht es so schwierig, das Buch in seiner Gesamtheit positiv zu beurteilen.

Das Kindheit nicht immer auch Einfachheit und Geborgenheit bedeutet, zeigt Stephen Kings ES ganz großartig. Das Kindheit Phantasie und Sorglosigkeit im Angesicht größter Gefahren bedeutet, ebenso. Allerdings fehlt dem Erwachsenen, der diesen Roman liest, die Identifikationsfigur, gerade wenn der Leser in seiner Kindheit nicht mit seinen persönlichen Verlierern durch seine persönlichen „Barrens“ gestreift ist oder von anderen Kindern verprügelt wurde. So fällt es dem geneigten Leser äußerst schwer, eine Verbindung aufzubauen, obwohl die Charakterzeichnung der einzelnen Figuren ohne Frage handwerklich hervorragend ist. Sie verhalten sich allesamt nachvollziehbar und doch ist es so schwer, ihre Emotionen zu verstehen.

Neben der großartigen Charakterzeichnung gelingt King sprachlich etwas ganz Besonderes, denn die Übergänge der Erzählung von den kindlichen Charakteren zu den Erwachsenen sind so elegant miteinander und ineinander verwoben, dass man sich häufiger fragt, wann die geschilderte Handlung nun zeitlich stattfindet. Auch die Handlungen und Emotionen der sich entspinnenden Liebesgeschichte der Erwachsenen bleiben nachvollziehbar und gut gezeichnet. Die psychologischen Beweggründe der einzelnen Charaktere sind beeindruckend fein entworfen und erzählt.

Als Entwicklungsroman also, selbst wenn als Erwachsener Leser die Identifikation mit den Kindern schwer fällt, ein wirklich gut geschriebenes Buch. Aber Leser, welche sich der Geschichte unter der Prämisse nähern, einen Horrorroman zu lesen, dürften eher enttäuscht sein.

Clowns sind zwar per sé nicht unbedingt besonders lustig, aber als großer Antagonist eines Horror-Romans taugen sie wohl doch nur bedingt. Genauso wie der ebenso im Buch beschriebene große Vogel oder die gewaltige Spinne. Viel interessanter waren dann doch die Querverweise, die zu den zahlreichen anderen Romanen Kings gezogen wurden. Leider kamen diese erst am Ende wirklich zum tragen. Außerdem stellt sich schon die Frage, was genau ausgerechnet sieben Kinder einer Kleinstadt so besonders macht, dass sie das große Böse, den großen Gegenspieler des Schöpfers der Welt, besiegen können.

Daneben sind es die vielen Details, die beim Lesen ermüden. Um eine dichte Atmosphäre zu erzeugen muss nicht die gesamte Stadt Derry mit all ihren Einwohnern, die fast allesamt ein äußerst langweiliges Tagwerk zu vollbringen scheinen, in Gänze beschrieben werden. Leider tut King genau dies, die Abschweifungen tragen nicht dazu bei, in die Geschichte einzutauchen, sondern vielmehr sich als Leser ständig zu fragen, wie viel Relevantes sich im gänzlich Irrelevanten versteckt.

Während Kings Magnum Opus „Der dunkle Turm“ die Waage genau im absolut ausgewogenen Verhältnis von Detailinformationen und Geschichte ausbalanciert, verliert sich ES im dunklen, schmodderigen Matsch der Details wie die Protagonisten sich im Matsch der „Barrens“ verlieren.

Der nächste Punkt sind die fehlenden Regeln, nach denen der große Antagonist, „Es“, besiegt werden kann. Brandon Sanderson sagte einmal, dass ein jedes Magiesystem auf Regeln basieren muss um einigermaßen glaubwürdig zu sein, denn sonst würde die Geschichte jeden Reiz verlieren und die Ziele der Protagonisten werden nicht deutlich, das Mitfiebern fällt weg. King entwirft leider keine solchen Regeln, mal kann „Es“ durch „Stimmen“ besiegt werden, die Richie beherrscht, mal durch Bills eisernen Willen, mal durch bloßes Werfen von Steinen. So fällt es äußerst schwer, den Kämpfen innerhalb der Handlung mit Spannung entgegen zu sehen, denn es ist unklar, was die Protagonisten erreichen müssen, um „Es“ endgültig zu besiegen.

Kommen wir zum Fazit: Als Entwicklungsroman und mit Blick auf die feine Zeichnung der Charaktere ist ES durchaus ein gut gelungenes Buch, weil King es versteht, tief in die Psyche der Protagonisten einzutauchen und ihre Emotionen und Handlungen für den Leser verständlich darzustellen. Im Rahmen der Horror-Literatur halte ich den Roman aber für durchaus ziemlich enttäuschend, denn erstens stören die vielen Details beim Lesen, zweitens sind die Regeln, nach denen der Kampf zwischen Gut und Böse verläuft dem Leser bis zum Ende unklar und drittens ist der Antagonist einfach nicht überzeugend genug.

Somit bleibt mir für „Es“ von Stephen King trotz der allgemeinen Euphorie nur eine mittelmäßige Wertung von 5 von 10 Punkten zu vergeben.

Die drei Sonnen – Cixin Liu – Buchkritik

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Vorn auf dem Buchdeckel der deutschen Ausgabe, herausgegeben von Heyne im Jahr 2017, prangen verheißungsvolle Versprechungen. Hugo Award und Galaxy Award stehen dort über dem Titel „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu. Links darunter ein roter Aufkleber, welcher den Roman als Spiegel Beststeller ausweist. Viel ist geschrieben worden über die ungewöhnliche Geschichte, die meisten Kritiker waren sich einig, dass es sich um ein ganz besonderes Buch handelt. Hohe Erwartungen waren hier Programm.

Bevor es nun zur Sache geht und ich meine Meinung hier niederschreiben möchte, noch ein kurzer Hinweis meinerseits: Ich bin großer Fan diverser Science-Fiction-Romane, insbesondere Dan Simmons, Isaac Asimov und Andreas Eschbach haben es mir mit ihren groß angelegten Space Operas angetan. Insofern bin ich im Rahmen westlicher Science-Fiction sozialisiert und kann den Roman von Cixin Liu aus diesem Grunde auch nur in diesem Kontext beurteilen. Die Situation der Science-Fiction-Literatur in China ist mir insofern leider fremd.

Nun denn, das Wichtigste zuerst: Konnte „Die drei Sonnen“ meine in die Höhe geschraubten Erwartungen erfüllen? Hohe Erwartungen machen leider häufiger Probleme, denn sie sorgen dafür, dass ein wirklich gut geschriebenes Buch subjektiv durchaus negativer beurteilt werden kann als es objektiv gesehen ist. Ich fürchte, bei „Die drei Sonnen“ ist mir genau dies passiert. Subjektiv würde ich also sagen: „Etwas schade, Erwartungen nicht erfüllt“. Der Versuch einer schwer zu erreichenden Objektivität zwingt mich allerdings zu schreiben: Auch wenn Cixin Liu es bisher noch nicht in meinen persönlichen Pantheon genialer Science-Fiction-Autoren geschafft hat, ist ihm trotz einiger Schwächen ein gutes Buch gelungen.

Aber gehen wir ins Detail. Worum geht es überhaupt? Das Buch spielt in zwei Zeitlinien, welche sich im Laufe der Handlung miteinander verweben. Im revolutionären China des Jahres 1967 erlebt Ye Wenjie als Astrophysikerin auf einer SETI-ähnlichen Station einige Abenteuer, die mich im Wesentlichen doch stark an Carl Sagans „Contact“ erinnert haben. Insofern finde ich die Story als Solche in dieser Zeitlinie vom Grad ihrer Neuartigkeit eher weniger gelungen, allerdings hat mir persönlich die Charakterzeichnung von Ye Wenjie sehr gut gefallen, sie trifft nämlich im Laufe der Handlung moralisch äußerst fragwürdige Entscheidungen und bleibt eher „grau“.

Parallel macht Professor Wang Miao, Forscher im Bereich der Nanotechnologie, gemeinsam mit dem pragmatisch denkenden aber nichtsdestotrotz intelligenten Streifenpolizisten Shih Quiang in der nahen Zukunft, einige beunruhigende Entdeckungen, vor allem in Verbindung mit einem sehr aufwändig entwickelten, „Three Body“ genannten, Computerspiel.

Stellt sich bei diesen beiden doch recht unzusammenhängend wirkenden Handlungseinheiten die Frage nach dem zentralen Motiv, dem Kern, der Botschaft des Romans. Es fällt mir schwer, hier nur einen Punkt herauszudestillieren. Die Motive sind: Ein großer Verrat an der Menschheit, die Wissenschaft als deren Retterin sowie technologisch überlegene Außerirdische, welche zwar als Antipoden auftreten, deren Motive moralisch aber vor allem durch die besondere Erfahrung, die das „Three Body“ genannte Computerspiel bietet, durchaus verständlich werden.

Cixin Liu hat hier viel versucht und ihm ist einiges davon sehr gut gelungen. Die Handlung in der nahen Zukunft rund um Wang Miao ist ein solider Thriller mit teils politischen Verwicklungen. Auch der raubeinige Shih Quiang wächst einem mit der Zeit ans Herz. Ye Wenjie ist ein großartig gezeichneter Charakter, hochintelligent, in ihren moralischen Empfindungen komplex und im großen und Ganzen eine Figur, an deren Entscheidungen man sich aufreiben kann, die Stoff zum Nachdenken gibt.

Auch das „Three Body“ genannte Computerspiel ist eine wunderbare Idee und eine charamante Lösung, die Motive von Außerirdischen menschlich verständlich zu machen. Wie gern ich wirklich einmal die VR-Brille aufsetzen und „Three Body“ spielen würde um mit Galileo und Newton gemeinsam zu versuchen, die Himmelsmechanik einer fremden Welt zu ergründen. Ja, „Three Body“ ist in meinen Augen das Meisterstück, das Cixin Liu gelungen ist.

Neben diesen wirklich gut gelungenen Aspekten gibt es allerdings auch einige weniger überzeugende Punkte. Da wären zunächst die Außerirdischen, deren Motive zwar gut nähergebracht werden, deren gesamte Gesellschaft aber komplett unterentwickelt erscheint. Es werden alle Klischees einer oberflächlichen gesellschaftspolitischen Entwicklung erfüllt, die der Science Fiction so oft vorgeworfen werden: Es gibt einen Herrscher, welcher allein und ohne irgendeine Form von Gewaltenteilung Entscheidungen für alle Individuen der Spezies trifft. Die Außerirdischen werden als gesammelte Einheit dargestellt ohne die geringste Form von Widerstand gegen die Gewaltherrschaft. Das Lebensrecht von Individuen wird geknüpft an deren Erfolg im Kollektiv. Nur drei Beispiele, welche im Laufe der Lektüre doch sehr ins Auge springen.

Eine Spezies, die im Laufe von Millionen Jahren tausende verschiedene Zivilisationen hervorgebracht hat, deren Wissenschaft und Technologie uns so überlegen ist, dass sie 11-dimensionale Protonen in die dritte Dimension transformieren und ihnen eine künstliche Intelligenz einhauchen können, wird – schon allein aus logistischen Gründen – nicht im Stile des Sonnenkönigs Ludwig XVI regiert werden. Es scheint als seien die gesellschaftlichen Fortschritte der Außerirdischen kaum vorhanden, wogegen die technologischen Mauern trotz schwierigster Bedingungen mit der Zeit nur so im Staub zerfielen. Aber die Entwicklung von Wirtschaft und Technologie sind auch immer an doe Fortschritte der Gesellschaft geknüpft, weshalb die Außerirdischen mich in „Die drei Sonnen“ am Wenigsten überzeugen.

Ein zweiter Schwachpunkt der Handlung sind die politischen Verwicklungen dreier verschiedener Lager, welche im Laufe der Handlung in den Fokus treten. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber hier nutzt der Autor bei Weitem nicht das gesamte Potential der Ausgangssituation aus. Es handelt sich um ein kurzes Intermezzo, welches übermäßig schnell gelöst wird, mehr nicht.

Alles in Allem handelt es sich bei „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu um einen durchaus gut gelungen Roman mit einer wunderbaren Ausgangsidee und einer guten Charakterentwicklung, besonders in der Figur Ye Wenjie. Auf der anderen Seite werden allerdings einige Potenziale nicht bis zum Ende ausgereizt und gerade die Darstellung der Aliens bleibt recht flach. Allerdings folgen ja noch zwei Bände, was durchaus die Möglichkeit einer weiteren Ausarbeitung der Alien-Zivilisation und ausführlicherer Beschreibungen bietet.

Die obligatorische Punktewertung darf natürlich nicht fehlen und da das Buch bis auf die oben aufgeführten Schwächen durchaus gut gelungen ist, vergebe ich hier gute 7 von 10 Punkten und bin äußerst gespannt auf den Nachfolger „der dunkle Wald“, welcher mit einem avisierten (deutschen) Erscheinungstermin am 11. Juni 2018 wohl noch ein wenig auf sich warten lässt.