H.P. Lovecraft – Die Faszination des kosmischen Horrors

Ein böses Spiegeluniversum

Jeder Literaturinteressierte kennt wohl mehrere Schriftsteller, deren Werke er tief bewundert, von deren Schaffen er beeindruckt ist und deren Ideen und sprachliche Eleganz ihm größten Respekt abnötigen. Für mich ist einer dieser Schriftsteller neben Dan Simmons und Brandon Sanderson – zu deren Romanen ich hier sicher auch noch einmal ein paar Zeilen schreiben werde – der US-Amerikaner Howard Phillips Lovecraft.

Warum? Dem möchte ich hier auf den Grund gehen, denn eigentlich bin ich ganz persönlich im Grunde unverbesserlicher, humanistischer Zukunftsoptimist. Lovecraft hingegen zeichnet zu dieser Weltsicht einen düsteren, geradezu hoffnungslosen Gegenentwurf. Gott ist nicht nur im Sinne Nietzsches tot, die Götter sind wahnsinnige, grausame, brutale, rücksichtslose Wesenheiten von weit außerhalb unseres bekannten Universums.

Lovecrafts Leben war auf alle Fälle zu kurz, trotzdem hat er neben vielen Kurzgeschichten auch Gedichte und Essays verfasst, in manchen Fällen auch gemeinsam mit anderen Autoren. Bei näherem Interesse an seinem Leben und Schaffen möchte ich auf die Seite des Festa Verlages verweisen, der eine schöne Kurzbiographie formuliert hat.

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Ein Blick in die Sterne: In unserer Welt voller Schönheit, bei Lovecraft voll verborgener Schrecken

Hier aber soll es nicht um sein Leben, sondern um seine Weltsicht gehen, um den „Cosmic Horror“. Und der ist frei von jedweder Hoffnung, frei von menschlicher Selbstbestimmung, frei von Bedeutung und Triumph. Die Menschheit ist nicht mal ein Spielball auf dem Schachbrett bedeutenderer Mächte, sie ist schlichtweg irrelevant für diese und könnte mit einem simplen Gedanken mächtigerer Spezies ausgelöscht werden. Sicher macht diese Tatsache einen Teil des Reizes aus, denn die schiere Größe, die Unbegreifbarkeit des von ihm geschaffenen, bösen Spiegeluniversums, lässt uns klein und unbedeutend erscheinen. Und ist nicht Hilflosigkeit im Angesicht einer gewaltigen, übermenschlich großen Bedrohung, eine der schrecklichsten Emotionen, die man empfinden kann? Der zutiefst menschliche Kern, auf den sich der Begriff des Horrors reduzieren lässt?

Horror im wirklich großen Maßstab

Viele Autoren schreiben über den täglichen Horror, über Mord und Totschlag, über außer Kontrolle geratene wissenschaftliche Experimente, ja teils sogar über von Dämonen besessene Alltagsgegenstände. Stephen King schafft es in seiner Erzählung Der Buick sogar etwas so Unspektakuläres wie ein Auto als großen Antagonisten zu etablieren. Hier liegt der Horror sozusagen ganz nah vor der eigenen Haustür, bei verrückt gewordenen Nachbarn oder bei seltsamen Kreaturen, die des Nachts durch den eigenen Garten oder über den Dachboden schleichen. Alltagsnaher Horror.

Genau demgegenüber ist Lovecrafts kosmischer Horror angesiedelt, der Alltag ist hier fern, sehr fern. Das beginnt bereits bei den Protagonisten, die zumeist hochgebildete und angesehene Adlige oder Wissenschaftler aus der amerikanischen Oberschicht sind und endet mit den Schauplätzen. Die Miskatonic University, bekannt für ihre parawissenschaftlichen Forschungen, die fiktiven Städte Arkham und Innsmouth, in denen ein ständiges Gefühl düsterer Bedrohung präsent ist und sich seltsame Vorkommnisse häufen, das wahrscheinlich allseits bekannte, wenngleich fiktive, Necronomicon, geschrieben vor Jahrhunderten von einem Autor am Rande des Wahnsinns. All diese Handlungselemente haben keinerlei Alltagsrelevanz, denn sie strahlen eine Art von Zeitvergessenheit aus, spielen allesamt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Und trotzdem, oder genau aus diesem Grunde, faszinieren sie.

Neben dem Necronomicon, oft in Filmen und Romanen referenziert, sind Cthulhu und die alten Götter wohl die bekanntesten Schöpfungen des Autors. Götter, die hinter den Sternen leben und das Leben der Menschheit beeinflussen oder vor langer Zeit einmal beeinflusst haben. Götter, die die angesehensten und besten Wissenschaftler und Gelehrten nicht mit ihren Sinnen fassen können ohne ob ihrer puren Schrecklichkeit dem Wahnsinn anheim zu fallen. Bei Lovecraft ist es auch der Maßstab, der die Dinge interessant macht, es ist die schiere, übermenschliche Größe seiner Schöpfungen, die den Horror erzeugen. Alles ist monumental und für den menschlichen Geist nahezu unfassbar. Alte außerirdische Völker, die vor Äonen mit schrecklichen Waffen Kriege gegeneinander führten, Verwirrende Rituale, alte Artefakte und Orte, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr betreten hat, tragen wohl zur finsteren Stimmung bei.

Einen seltsamen Sog erzeugt auch die Mystik, das Paranormale, die Geisterhaftigkeit, die die Handlung vorantreiben. Okkulte und seltsam anmutende religiöse Kulte, die vollkommen verdrehte Traumwelt der Dreamlands, all dies erzeugt das Gefühl, nur ein winziger Teil einer viel gewaltigeren Welt zu sein, einer Welt, die dem Menschen nicht gewogen ist. Und genau dies ist es wohl, das neben seinem besonderen, adjektiv-lastigen Schreibstil, die Faszination von H.P. Lovecraft ausmacht.

Lovecrafts unbekanntere Gedichte

Während besonders die Kurzgeschichten von ihm recht bekannt sind, haben Lovecrafts Gedichte gerade im deutschsprachigen Raum weniger Verbreitung gefunden. Es mag daran liegen, dass man sich auf das altmodische Englisch nun doch etwas einstellen muss. In jedem Falle lohnt es sich, sie einmal zu lesen, denn sie erzeugen dieselbe ganz besondere Stimmung, diese seltsame Mischung aus Faszination und einem Gefühl für die schier unendliche Größe des von Lovecraft geschaffenen Universums. Ein feindliches, finsteres Universum zwar, nichtsdestoweniger eine faszinierende Welt.

Astrophobos ist neben The City mein absolut liebstes Gedicht von Lovecraft, weshalb ich es hier gern teilen möchte –Die Urheberrechte an seinem Werk sind mittlerweile erloschen, weshalb ich den Text an dieser Stelle direkt einbinden kann. Ein Vorteil der ausgelaufenen Urheberrechte sind übrigens auch seine frei im Internet zur Verfügung stehenden Texte. Zwei meiner liebsten Erzählungen habe ich unten einmal in ihrer deutschen Übersetzung verlinkt. Gerade Berge des Wahnsinns nutzt wohl alle Stilelemente, die den Cosmic Horror so interessant machen.

Übrigens ist Phobos der griechische Gott der Furcht und des Chaos. Ja, die Weite der Sterne mit den zutiefst menschlichen Urängsten vereinen, darin war Lovecraft ein wahrer Meister. Auch wenn man zumeist froh bin, nicht dauerhaft in Lovecrafts Gedankenwelt festzustecken, ist er ein Garant für eine wunderbare Abendlektüre, sowohl in lauen Sommernächten als auch im tiefsten, verschneiten Winter.

Astrophobos    

In the midnight heavens burning
Thro’ ethereal deeps afar,
Once I watch’d with restless yearning
An alluring, aureate star;
Ev’ry eye aloft returning,
Gleaming nigh the Arctic car.

Mystic waves of beauty blended
With the gorgeous golden rays;
Phantasies of bliss descended
In a myrrh’d Elysian haze;
And in lyre-born chords extended
Harmonies of Lydian lays.

There (thought I) lies scenes of pleasure,
Where the free and blessed dwell,
And each moment bears a treasure
Freighted with a lotus-spell,
And there floats a liquid measure
From the lute of Israfel.

There (I told myself) were shining
Worlds of happiness unknown,
Peace and Innocence entwining
By the Crowned Virtue’s throne;
Men of light, their thoughts refining
Purer, fairer, than our own.

Thus I mus’d, when o’er the vision
Crept a red delirious change;
Hope dissolving to derision,
Beauty to distortion strange;
Hymnic chords in weird collision,
Spectral sights in endless range.

Crimson burn’d the star of sadness
As behind the beams I peer’d;
All was woe that seem’d but gladness
Ere my gaze with truth was sear’d;
Cacodaemons, mir’d with madness,
Thro’ the fever’d flick’ring leer’d.

Now I know the fiendish fable
That the golden glitter bore;
Now I shun the spangled sable
That I watch’d and lov’d before;
But the horror, set and stable,
Haunts my soul for evermore.

H.P. Lovecraft

 

Referenzen

Der Außenseiter

Berge des Wahnsinns

4 Gedanken zu “H.P. Lovecraft – Die Faszination des kosmischen Horrors

  1. „… Lovecrafts Leben war kurz und wohl leider nicht sonderlich freudvoll …“
    Ich glaube da irrst du dich oder du hast einen falschen Eindruck erhalten. Um diesen zu revidieren würde ich dir empfehlen „Mein Freund H. P. Lovecraft – Dreamer of the Nightside“ von Frank Belknap Long zu lesen. Lovecraft war zwar ohne Übertreibung speziell, aber ich glaube obige Behauptung kann man so nicht unwidersprochen stehen lassen. Long verwehrt sich als enger Freund Lovecrafts gegen ähnliche Behauptungen. Das er so früh starb ist natürlich bedauerlich, aber ich finde auch das gehört zu Lovecraft – irgendwie …

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für die Richtigstellung und die Buchempfehlung!

    Lovecraft war aber nicht nur speziell, sondern litt, soweit ich weiß, auch unter einer nicht näher spezifizierten Krankheit und unter dem früh gestorbenen Vater sowie der seltsamen Behandlung und Beziehung seiner Mutter (sagen zumindest die Wikipedia, ich weiß, nicht die Beste aller Quellen, sowie die Seite des Festa-Verlages: https://en.wikipedia.org/wiki/H._P._Lovecraft)

    Somit schloss ich auf ein von Krankheit gezeichnetes, einsames Leben. Allerdings scheinst du dich wesentlich besser in der Materie auszukennen und ich möchte hier natürlich keine falschen Informationen verbreiten, deshalb ändere ich den Absatz.

    Gefällt mir

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