Kinder des Nebels – Brandon Sanderson – Buchkritik

kinder des nebels

Einleitende Worte

Der erste klassische High-Fantasy-Roman, den ich im Rahmen dieses Blogs vorstellen möchte. Und natürlich ist es eine Geschichte von Brandon Sanderson. Sind Simmons, Asimov und Hamilton meine persönlichen Sterne am Himmel der Science-Fiction-Literatur, nimmt Sanderson im Bereich der Fantastik neben Steven Erikson und vielleicht Tad Williams denselben Stellenwert für mich ein. Nun also die Kinder des Nebels. Ob dieser Roman wohl die hohen Erwartungen an einen meiner persönlichen Lieblings-Autoren erfüllen konnte? Ja! Auf jeden Fall!

In der deutschen Ausgabe 2009 bei Heyne erschienen ist Kinder des Nebels der erste Roman einer Trilogie. Neben dieser gibt es noch drei weitere Bücher, welche zwar in derselben Welt spielen, die Geschichte aber nicht direkt fortsetzen. Kinder des Nebels kommt insgesamt auf knapp 900 Seiten und was soll ich sagen? Es hätten ruhig noch einmal 900 mehr sein können!

Handlungszusammenfassung

Die Rebellion ist gescheitert. Vor tausenden von Jahren schon. Seitdem rieselt Asche auf die Welt, ein finsterer, gottgleicher Herrscher regiert das Land mit eiserner Härte. Eine straff organisierte Inquisition mit magischen Fähigkeiten unterdrückt alle Anzeichen aufkommenden Aufruhrs, die Menschen haben sich schon vor langer Zeit ihrem traurigen Schicksal ergeben und senken das Haupt vor der Willkürherrschaft. Es ist die Zeit des letzten Reiches.

Einige Wenige verfügen über die seltene Gabe der sogenannten Allomantie. Sie können Metalle und Metalllegierungen manipulieren, sie in reine Energie umwandeln oder diverse andere Aktionen mit ihnen ausführen. Jedem Metall wohnt dabei eine ganz besondere Kraft inne. Magiebegabte werden von der Inquisition noch gnadenloser verfolgt als bloße Rebellen.

Vin, Bettlerin und aufgewachsen im Prekariat, in der untersten Schicht der Hauptstadt Luthadel, ist solch eine Magiebegabte, eine Allomantin. Als sie ihre Fähigkeiten entdeckt, wird der gerissene Überlebenskünstler Kelsier auf sie aufmerksam, ebenfalls Allomant und Überlebender der letzten Säuberungsaktionen, bei denen Magiebegabte gnadenlos hingerichtet wurden. Er wird Vins väterlicher Freund, ihr Lehrer und Mentor, der sie in ihrer Gabe unterstützt und anleitet. Gemeinsam starten sie unter größten Gefahren Guerilla-artige Sabotageaktionen gegen das Regime.

In der Oberschicht von Luthadel hat Elant, Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie, seinen eigenen Kampf auszutragen. Ein herrschsüchtiger, sadistischer Vater, eine abwesende Mutter und endlose Bälle und gesellschaftliche Zusammenkünfte, die ihn langweilen und abstumpfen lassen, bestimmen seinen Alltag. Intelligent und belesen, wehrt Elant sich auf eigene Weise gegen das herrschende System, verzweifelt aber immer mehr an seiner Situation.

Rezension

Es ist düster in der Welt, die Sanderson zeichnet. So düster, dass man als Leser bald selbst die Ascheflocken vor dem Fenster sieht und nur darauf wartet, dass die unnachgiebige Inquisition mit einem lauten Pochen an die Tür klopft. Der Aufbau der Welt macht Eindruck, er erzeugt Beklemmung beim Leser und eine triste Stimmung der Ausweglosigkeit.

Das letzte Reich. Man lasse sich nur einmal den Namen auf der Zunge zergehen. Er impliziert, dass diese finstere Herrschaft ewig währen wird, dass es keinerlei Sinn macht, sich gegen den allmächtigen, den gottgleichen obersten Herrscher aufzulehnen. Ja, so muss die Stimmung in Luthadel sein. Ich kann den Schmutz und die Asche auf den Straßen der Hauptstadt quasi noch immer riechen, obwohl es nun doch schon etwas länger her ist, dass ich den Roman das letzte Mal las.

Aber nicht nur der Aufbau der Welt ist großartig gelungen, den Kern der ganzen Geschichte stellt das detailliert ausgearbeitete Magiesystem dar. Magie in Fantasy-Welten, die nicht nach spezifischen Regeln funktioniert, weist das Problem auf, für den Leser schnell unglaubwürdig zu werden.

Sanderson allerdings bedient sich eines Tricks um diesen „Deus ex Machina“-Moment zu umgehen. Er beschreibt die zugrundeliegenden Regeln offen, stellt sie so natürlich dar und tariert sie so kunstvoll aus, dass man sich fragt, wie man jemals einen High Fantasy Roman lesen konnte, der über kein dermaßen ausgearbeitetetes Magiesystem verfügte. Die Allomantie ist neben dem World-Building die zweite große Stärke von Kinder des Nebels.

Die dritte Säule, auf der dieser Roman ruht, sind die Charaktere. Diese zeichnet Sanderson beeindruckend tief und detailliert, ohne jedoch ins Melodramatische abzurutschen. Vins Verzweiflung und Schmerz ob ihrer traurigen Existenz im Matsch Luthadels, Elants  Abgestumpftheit gegenüber all der Oberflächlichkeit, mit der der Adel unterhalten werden soll, Kelsiers inneren Charakterzwist, all das fühlt man geradezu mit, all das fügt sich äußerst elegant in die Welt des letzten Reiches ein und bleibt dabei immer nachvollziehbar und verständlich.

Und diese Charaktere entwickeln sich weiter, aus der anfänglichen Statik entwickelt sich eine spannende Dynamik. Aus tiefster Depression und Schmerz erwächst ein winziges Fünkchen Hoffnung. Ein erstes Fünkchen Hoffnung, das in dieser düsteren, von Asche bedeckten Welt anfangs erst einmal nicht lang bestehen kann, so viel sei verraten.

Die Charaktere in diesem Roman sind keine Rebellen, die Rebellion ist anders als in anderen Werken nicht organisiert, es handelt sich nicht um große Helden, sondern um bloße Überlebende eines Unrechtsregimes, deren Hoffnung auf ein besseres Leben noch nicht gänzlich erloschen ist. Überlebende, die Hoffnung bloß als zartes Pflänzchen kultivieren, nicht als realistische Chance eines ernsthaften Umsturzes wie beispielsweise die Rebellenallianz in Star Wars.

Es existiert kein südliches Königreich, das alsbald zur Hilfe kommt, sobald die Rebellion beginnt. Es gibt keinen geheimen Verbündeten, der von außerhalb der bekannten Welt Soldaten und Verpflegung schickt. Es gibt nur drei Menschen, die sich noch nicht gänzlich tiefster Depression hingegeben haben und die im Laufe dieser Geschichte jeder für sich einen wahnwitzigen Guerilla-Krieg wider jeder Vernunft führen. Dabei ist die Angst aufzufliegen omnipräsent und nahezu mit Händen greifbar.

Was für ein Ritt! Was für Charaktere! Als Fazit vergebe ich – und das wird sicher die absolute Ausnahme im Rahmen dieses Blogs bleiben – volle 10 von 10 Punkten. Sanderson baut eine entsetzlich düstere Welt mit einem der kreativsten Magiesysteme, die ich je lesen durfte, und bevölkert diese Welt mit Charakteren, in die man sich allesamt hineinversetzen kann, mit denen man auf tiefer Ebene mitfühlt. Und auch die Handlung ist ausgefallen und weicht weit ab von dem typischen Fantasy-Klischee, nach dem es vielleicht in der Inhaltszusammenfassung noch klingt. Nein, das hier ist nicht bloß die einhundertste unoriginelle Geschichte eines traurigen Bettler-Mädchens, das die Magie in sich entdeckt. Das hier ist die Geschichte von Menschen, die sich auch in der schlechtesten aller Welten ein kleines bisschen Hoffnung, ein klein wenig Rebellion bewahren.

Referenzen

Ein Interview mit Brandon Sanderson

Kurzer Überblick über die verschiedenen Fantasy-Genres (englisch)

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