Der unsichtbare Gast – Oriol Paulo – Filmkritik

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Einleitende Worte

Nachdem ich im – nebenbei bemerkt, wirklich empfehlenswerten – Podcast Nerdtalk die Kritik zu Der unsichtbare Gast hörte, war ich sehr gespannt auf den Film, zumal sich meine Erfahrung mit spanischen Produktionen bisher auf eine recht kleine Auswahl von Filmen beschränkt. Der letzte, den ich sah war der Horrorfilm REC, den ich, am Rande bemerkt, wirklich gut fand. Da Der unsichtbare Gast aktuell in der Flatrate von Netflix enthalten ist, bot es sich geradezu an, ihn einmal anzuschauen.

Der spanische Regisseur Oriol Paulo, der mir, wenn ich ehrlich bin, bisher unbekannt war, schrieb das Drehbuch und führte Regie bei diesem 110 Minuten langen, 2016 erschienenen, Thriller. Mario Casas, Ana Wagener, José Coronado und Barbara Lennie spielen die Protagonisten.

Handlungszusammenfassung

Der erfolgreiche Unternehmer Adrian (Mario Casas) wird desorientiert von der Polizei in einem Hotelzimmer aufgefunden. Neben ihm seine Geliebte Laura (Bárbara Lennie), brutal erschlagen. Die Türkette ist vorgelegt, Adrian allein im Zimmer, alle Indizien sprechen gegen ihn, er plädiert allerdings äußerst überzeugend darauf, unschuldig zu sein. Nach der Festnahme durch die Polizei sucht er sich Hilfe bei der berühmten Staranwältin Virginia Goodman (Ana Wagener), die mit diesem Fall ihren letzten großen Coup vor ihrer Pensionierung landen möchte.

Die Anwältin versucht mit recht unkonventionellen und harschen (Verhör-)Methoden die konkreten Abläufe der Tatnacht aus Adrian herauszubekommen. In Rückblenden erfährt der Zuschauer Stück für Stück den Gang der Ereignisse, der in die gegenwärtige Situation geführt hat. Dieser weist allerdings teils mehrmals starke Abweichungen auf, je nach gerade erzählter Version. Mit der Zeit fügen sich jedoch die einzelnen Teile zu einem größeren Ganzen zusammen.

Es ist schwierig, hier nicht zu viel zu verraten, deshalb möchte ich in dieser Rezension weitestgehend vermeiden, auf den Inhalt der Rückblenden einzugehen.

Der Trailer

Rezension

Der erste Gedanke, der mir nach der Sichtung dieses Films in den Sinn kam: Im Grunde ist es ein mentales Schachspiel. Ein Spiel zwischen ungefähr gleich starken Gegnern, das jederzeit durch ein geschicktes Manöver beendet werden kann. An beiden Seiten des Tisches sitzen Adrian und Virginia und anstatt Figuren auf einem Brett zu verschieben um die strategische Hoheit zu gewinnen, nutzen sie Worte, Erklärungen, Aussagen, Details.

Die Phasen des Films sind ebenfalls dieselben wie beim Schach: Das Verhör beginnt mit einer recht unspektakulären Exposition, mit einer Klärung der offensichtlichen Tatsachen. Danach beginnen beide Spieler durch Analyse von Details, die durch wunderbar inszenierte Rückblenden visualisiert werden, eine zunächst sanfte Konfrontation, die mit der Zeit immer härter wird. Vom spannend inszenierten Matt am Ende der Partie möchte ich hier natürlich nichts verraten.

Die Rückblenden sind der zweite Clou. Während des Verhörs erfährt der Zuschauer die vermeintliche Wahrheit des Tathergangs und der vorhergegangenen Ereignisse, kann sich aber niemals sicher sein, ob er hier nicht einer geschickt konstruierten Lüge aufsitzt. Dieses Spiel zwischen Lüge und Wahrheit wird bis zum Ende auf einem konstant hohen Niveau gehalten, sodass es als Zuschauer schwierig ist, sich eine abschließende Meinung zum Tathergang zu bilden. Das Rätselraten, das Kombinieren, macht Spaß bis zuletzt.

Auch die visuelle Gestaltung ist für einen Thriller mit der Thematik angemessen düster, es gibt recht viele Nahaufnahmen um die Mimik der Schauspieler zu unterstreichen, gerade in der Verhörsituation zwischen Virginia und Adrian.

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten und so hat auch der unsichtbare Gast einige Schwachpunkte. Womit ich am wenigsten warm geworden bin ist hier der Schauspieler des Protagonisten Adrian. Er wirkt an vielen, vor allem sehr emotionalen Stellen des Films, geradezu unterkühlt, die Mimik stets etwas distanziert, es ist als Zuschauer äußerst schwer ihn zu lesen. Mag sein, dass es sich hierbei um ein Stilmittel handelt, denn für Virginia ist Adrian anfangs sicher ein ebenso verschlossenes Buch. Trotzdem hätte ich mir wenigstens in den Rückblenden etwas mehr Minenspiel, etwas mehr Ausdruck, gewünscht.

Der zweite Kritikpunkt sind die (leichten) Logiklücken in der Handlung, insbesondere am Anfang der Rückblenden. So viel sei gesagt ohne zu viel zu verraten: Auslöser der Ereignisse ist ein, von einem über die Straße laufenden Hirsch, verursachter Autounfall. Ein Unfall, der ohne menschliches Zutun, ohne wirkliche Schuld, ausgelöst wurde. Aber statt Polizei und Notarzt zu rufen werden hier stattdessen sehr fragwürdige Maßnahmen ohne eine wirkliche Not getroffen. Unverständlich, zumindest für mich. Von diesen Lücken gab es im Laufe der Handlung zwei bis drei, allerdings waren sie durchaus verschmerzbar.

Man ahnt es schon anhand der Rezension, mein persönliches Fazit für diesen Film fällt bis auf die kleinen Mankos positiv aus. Es gibt zwei, drei kleine Logiklücken in der Handlung, das Ende wirkt ein wenig zu konstruiert und der in den meisten Teilen des Films recht unbewegt dreinschauende Hauptdarsteller ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber das sind wirklich nur kleine Kritikpunkte, wenn man den puren Unterhaltungswert dieses Thrillers zugrunde legt. Wie elegant im Rahmen des Verhörs die Details zu einem größeren Ganzen zusammengefügt werden, wie wunderbar geschickt eingewoben kleine Details in den Rückblenden immer wieder abweichen. Nicht zu vergessen, dass Bárbara Lennie als Laura Vidal hier eine wirklich wunderbare Performance als Femme Fatale abliefert, ihr kritischer Blick in die Kamera allein hat schon einen großen Schauwert.

So bekommt Der unsichtbare Gast von mir insgesamt 8 von 10 möglichen Punkten.

Referenzen

Der unsichtbare Gast auf Netflix

Kritik von NerdTalk

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