Die Krone der Sterne – Kai Meyer – Buchkritik

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Einleitende Worte

Die Krone der Sterne war mein erster Roman von Kai Meyer, weder habe ich die allseits bekannten und gelobten Wellenläufer gelesen noch eine seiner anderen zahlreichen Geschichten. Meine Voreingenommenheit hielt sich also in Grenzen, als ich begann, Die Krone der Sterne zu lesen. Nun, nicht ganz, denn der Klappentext hat durchaus das Potenzial dem Science-Fiction-Fan und begeisterten Leser großer Space Operas einen mentalen Freudenschrei zu entlocken. Die vielen positiven Kritiken nach Erscheinen taten ihr Übriges, die Begeisterung noch zu steigern.

Ja, die Krone der Sterne ist eine klassische Space Opera, erschienen im Fischer|Tor Verlag und kommt auf gute 460 Seiten. Viel Lesestoff also für den geneigten Science-Fiction-Nerd. Gepriesen als groß angelegte Space Opera oder auch vom Verlag als „Space Fantasy“ beworben hat dieses Buch mit seinem wirklich schön gestalteten Cover meine Aufmerksamkeit erregt.

Wenn es ein Subgenre der Science-Fiction gibt, das einlädt zum Träumen, zum Nachdenken über große Zukunftsvisionen, zum grenzenlosen Eskapismus in eine andere Welt, dann ist es wohl das der Space Opera. Aus genau diesen Gründen schätze ich dieses Genre und aus genau diesen Gründen haben die Hyperion-Gesänge von Dan Simmons, die Romane des genialen Isaac Asimov oder der Kultur-Zyklus von Ian Banks bei mir großen Eindruck gemacht. Ebenso wie die Star Wars Filmreihe und Star Trek (ja, es ist durchaus möglich beides zu mögen ohne sich innerlich zu zerreißen ;-))

Umso mehr stieg also die Spannung, als ich die ersten Seiten aufschlug und begann, die Krone der Sterne zu lesen.

 

Handlungszusammenfassung

Das galaktische Reich Tiamande. Nachdem der unnachgiebige Maschinenherrscher in einer Rebellion gestürzt wurde, haben die Hexen des Kamastraka-Ordens die Herrschaft übernommen, angeführt von der geheimnisvollen Gottkaiserin. Die Hexen beziehen ihre Macht, eine nahezu magische Energie, aus der Strahlung eines schwarzen Lochs, das vor langer Zeit einmal die Galaxis durchquerte. Die Hexen herrschen mit ebenso großer Härte wie der gestürzte Maschinenherrscher, sie verboten alle Formen der künstlichen Intelligenz und bauten gewaltige Raumschiffe, deren visuelle Merkmale an diejenigen gotischer Kathedralen erinnern.

Die adelige Tochter eines recht unbedeutenden lokalen Herrschers aus den abgelegenen äußeren Baronien, Iniza, wird als Braut der Gottkaiserin ausgesucht und unter Zwang gemeinsam mit ihrem Leibwächter und heimlichen Geliebten Glanis auf einem Raumschiff in Richtung der Thronwelt der Kaiserin verbracht. Bei ihrem gemeinsamen Versuch zu fliehen treffen sie Kranit, einen gealterten Kopfgeldjäger und Shara Bitterstern, eine sogenannte Alleshändlerin, Schmugglerin wäre ein ebenso passender Begriff, und werden von diesen bei ihrem Vorhaben, Iniza in Sicherheit zu bringen, unterstützt.

 

Rezension

Wer hat beim Lesen der kurzen Handlungszusammenfassung Lust auf das Buch bekommen? Gottkaiserin, Maschinenherrscher, Hexenorden, Rebellion? In Raumschiffen. die aussehen wie gotische Kathedralen? Immer her damit! So ging es mir jedenfalls, groß angelegte und gut ausgearbeitete Welten entfesseln ihre ganze eigene Faszination und diese Welt klingt auf den ersten Blick einfach großartig.

Jetzt kommt leider das große „Aber“, die große Enttäuschung und es tut fast leid, es so zu schreiben, denn alles klang so vielversprechend: Die Ausgestaltung des Romans ist an vielen Stellen leider einfach nur schlecht, die Details vollkommen vernachlässigbar, manchmal kaum vorhanden. Das auf den ersten Blick großartig klingende World-Building nutzt sein Potenzial kein bisschen, mehr als die von mir in einem kleinen Absatz zusammengefassten Informationen erhalten wir im gesamten Buch nicht über die Welt, über das große Ganze.

So viel zur Enttäuschung über die, auf den ersten Blick so vielversprechend wirkende, Welt von Tiamande. Die Ansätze sind da, sie klingen so gut und als Leser möchte man geradezu schreien „Gib mir mehr davon!“, Meyer allerdings weigert sich beharrlich, weitere Informationen zu liefern.

Stattdessen wagt der Autor mit vollen Händen den Griff in die prall gefüllte Stereotypen-Kiste der Weltraumopern. Da wären:

  • Iniza, die klassische Weltraumprinzessin, muss sich von ihrem Geliebten, der gleichzeitig ihr Leibwächter ist, des Öfteren retten lassen
  • Shara Bitterstern, der Prototyp eines weiblichen Han Solo
  • Kranit, der weise Mentor mit der geheimnisvollen Krieger-Ausbildung, der auf fast jede Frage eine Antwort weiß
  • Glanis, der Leibwächter-Geliebte, der nicht viel sagt und nicht viel tut, außer Iniza zu retten

Wer sich hier verwirrt die Augen reibt, weil Vieles so bekannt vorkommt, der wird sich über den weiteren Verlauf der Handlung noch wundern. Auf größere Spoiler soll hier aber natürlich verzichtet werden. Noch zu erwähnen ist vielleicht, dass die Schmugglerin Shara das schnellste Raumschiff in der Galaxis fliegt, dessen Äußeres unscheinbar und heruntergekommen wirkt, das aber jedes imperiale… oh sorry, falsche Welt… jedes Schiff der Gottkaiserin abhängen kann.

Die Vermeidung von Klischees ist gerade in der Genre-Literatur nicht immer möglich, ja auch gar nicht zwingend, denn wenn sie kreativ kombiniert werden, dann können Stereotype dem Leser durchaus eine gewisse Heimat bieten, die Möglichkeit einer außergewöhnlichen Geschichte in einer fremden Welt etwas besser zu folgen. Kommen allerdings zu viele Klischees zusammen, dann wirkt es als wäre die Geschichte lieblos aus dem großen Lego-Baukasten der Literatur zusammengebaut worden.

Nun, die Stereotypen und die detailarme Welt würde man als Leser vielleicht verzeihen, wenn denn die Charakterzeichnung, die Ausarbeitung der einzelnen Motive der Charaktere gut dargestellt wäre, wenn der Leser die Emotionen, Ängste und Ziele der Protagonisten mitfühlen könnte. Nur leider kann er es nicht, ganz und gar nicht. Alle Charaktere bleiben flach und eindimensional. Shara ist getrieben vom Wunsch nach Heimat, Kranit ist seit einem Vorfall ein gebrochener Mann und Iniza möchte ihr Leben einfach nur in Ruhe mit Glanis verbringen. So viel zu den Beweggründen. Nein, mehr kommt nicht.

Kann wenigstens die Handlung überzeugen? Nein, kann sie nicht. Das Adjektiv, dass dieser Handlung am besten gerecht wird, mag vielleicht belanglos sein. Möglicherweise auch unoriginell. Es ist nicht zu viel verraten: Die drei fliehen, treffen jemanden, der ihnen helfen kann, fliehen wieder, treffen noch jemanden, bevor es zum „großen Finale“ kommt. Naja, auch dessen Ausgang kann man sich als geneigter Science-Fiction-Fan schon denken.

So traurig es ist, aber für die Krone der Sterne bleiben von meiner Seite aus nur 3 von 10 möglichen Punkten übrig. Zu flach die Charaktere, zu groß der Griff in den Science-Fiction-Baukasten, zu belanglos die Handlung. Das können auch die guten Ideen beim Entwurf der Welt, der Hexenorden, der Maschinenherrscher nicht wieder wettmachen. Dafür wird einfach zu wenig von der Welt beschrieben. Schade, wirklich schade.

 

Referenzen:

Weltenflüstern-Podcast mit positiverer Gesamtwertung, aber ähnlichen Kritikpunkten

Was die Space Opera so besonders macht (Englisch)

 

3 Gedanken zu “Die Krone der Sterne – Kai Meyer – Buchkritik

  1. Oha, welch Verriss! Als Kai Meyer-Fan müsste ich jetzt eigentlich ein wenig beleidigt sein! 🙂

    Ich verstehe die Kritikpunkte durchaus, erlaube mir aber, das anders zu sehen.

    Was das World-Building angeht: Bei „Die Krone der Sterne“ handelt es sich um den ersten Teil einer – mindestens – Trilogie. Ich kenne keinen Autoren, der im ersten Teil eines Mehrteilers schon im Detail seine komplette Welt erklärt. Auch, weil dann gar nicht mehr genug Platz für eine Story wäre. 😉 In den Fortsetzungen erwarte ich mir hier also durchaus weitere Details und Erklärungen.

    Was die Charaktere angeht: Auch hier kann man einiges kritisieren, ich finde aber einfach, dass sie sehr stimmig für das Genre der Space Opera sind. Und sind wir mal ehrlich: Die Charaktere aus „Star Wars“ sind doch jetzt auch nicht gerade für ihre Tiefe bekannt, oder!? Ich erwarte in einem solchen Roman keine Charaktere, die mit Totenschädel in der Hand bedeutungsschwanger irgendwas von „Sein oder Nichtsein“ deklamieren. 🙂

    Und was die Handlung angeht: Auch hier verweise ich darauf, dass es sich um einen ersten Teil handelt, der die Ereignisse erst ins Rollen bringt. Ich möchte in dem Zusammenhang mal das Beispiel „Der Herr der Ringe“ bringen: Die gefühlt ersten 200-300 Seiten des ersten Buches sind die absolute Hölle! 😉 Es passiert nichts, es ist todlangweilig – und es ist trotzdem ein Klassiker! 🙂 Eine entsprechende Entwicklung erwarte ich mir da auch für die Fortsetzungen.

    Abschließend möchte ich nicht ausschließen, dass mein Lob für dieses Buch auch daher rührt, weil ich so viel von Meyer gelesen habe, in den letzten Jahren aber immer öfter enttäuscht war. Diesmal hat er schon eher meinen Nerv getroffen!

    Aber es ist durchaus interessant, zu sehen, was für unterschiedliche Meinungen man zu ein und dem selben Buch haben kann. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke für die Mühe, die du dir mit deinem Kommentar gemacht hast! Ich hatte schon die Befürchtung, dass mir die Kai Meyer-Fans aufs sprichwörtliche Dach steigen 😉

    Deine Anmerkungen sind für mich durchaus verständlich, aber ich denke der Kern des Problems besteht in unseren unterschiedlichen Erwartungen an das Genre der Space Opera und der Bewertung der einzelnen Kritikpunkte.

    Zunächst: Space Opera kann durchaus philosophische / gesellschaftliche Themen im Gewand eines Zukunfts-Settings behandeln. Beispiele: Prinzipat von Dirk van den Boom und fast alles von Asimov. Ist aber natürlich nicht zwingend, originelle Action hätte ja schon gereicht. Aber von Originalität kann hier leider bei Handlung wie Charakteren wirklich keine Rede sein, finde ich.

    World Building: Wäre auch schade, wenn im ersten Teil direkt alles enthüllt würde, nur leider kommt bei „Die Krone der Sterne“ nach der anfänglichen Exposition nichts mehr an Informationen herüber. Andere Autoren (Asimov bspw.) schaffen es, die Welt Stück für Stück während der Handlung mit Details anzureichern. Bei Meyer fehlte mir nach der Exposition der Input.

    Charaktere: Mein Beispiel von Star Wars diente nur dazu, das offensichtliche Vorbild einiger Charaktere – insbesondere Shara sprang mir hier ins Auge – zu benennen. Star Wars ist immer noch eine Filmreihe, in der die Charakterdarstellung natürlich anders zu bewerten ist als in einem Roman. Finde es nichtsdestotrotz recht gewagt von Meyer, sich dermaßen stark bei seinen Vorbildern zu bedienen. Hatte beim Lesen den Eindruck, alles bereits von irgendwoher zu kennen.

    Handlung: Beim Herrn der Ringe stimme ich dir absolut zu! Die Beschreibung der Grashalme im Auenland hatte doch schon einige Längen. 😉 Allerdings hatte ich bei der Handlung von „Die Krone der Sterne“ den Eindruck, sie in Serien & Büchern in ähnlicher Form, mit ähnlichen Versatzstücken bereits öfter gesehen zu haben.

    Ich werde den Nachfolger auf jeden Fall lesen, wenn er herauskommt und bin gespannt, ob es wieder Grund für einen Verriss gibt. 😉 Auf jeden Fall danke für deine Meinung!

    Lieben Gruß,
    Philipp

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Rezension – Die Krone der Sterne von Kai Meyer – BUCHSTABENWOERTER

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