The Zero Theorem – Filmkritik

The Zero Theorem - Plakat

Einleitende Worte

Das Science-Fiction-Drama The Zero Theorem aus dem Jahre 2013 mit Christoph Waltz in der Hauptrolle hat das Potenzial, den Zuschauer tief und intensiv in seinen Bann zu ziehen und ihn dann nachdenklich und etwas deprimiert zurückzulassen. Er gehört zu genau der Art von Filmen, die sich vom nahezu omnipräsenten Wohlfühl-Mainstream-Kino erfrischend unterscheiden. Was diesem natürlich nicht seine Berechtigung absprechen soll, aber ab und an sind tiefgründige Dramen eine willkommene Abwechslung.

Terry Gilliam – ja, genau, der Mann von Monty Python – führte hier Regie wie auch im ebenfalls in einer düsteren Zukunft angesiedelten 12 Monkeys mit dem sich The Zero Theorem wohl am ehesten vergleichen lässt. Nun ja, nicht ganz, denn im Gegensatz zu 12 Monkeys geht es hier gar nicht so sehr um klassische, dystopische Motive.

Dystopien neigen oft dazu, die Wirtschaft für Umweltkatastrophen (Okja), die Politik oder Technologie für gesellschaftliche Entgleisungen (Snowpiercer) verantwortlich zu machen. Nicht so The Zero Theorem. Hier ist es das Universum, das sich gegen die Menschheit verschworen hat und der Mensch als Solcher, der sich eine Gesellschaft konstruiert hat, die in eine nahezu wahnhafte Aktivität verfallen ist. Ein Film also wie gemacht für das vor Betriebsamkeit überbordende 21. Jahrhundert, das Zeitalter von medialer Reizüberflutung und zu wenig Schlaf.

 

Trailer:

 

Handlungszusammenfassung

Im Wesentlichen dreht sich die gesamte Handlung darum, wie der exzentrisch wirkende Mathematiker Qohen (gespielt von Christoph Waltz) versucht, eine Gleichung zu lösen, die das endgültige Schicksal des Universums enthüllen soll.  Er arbeitet als „Entity Cracker“ oder „Entitätenknacker“ für eine IT-Firma und seine Aufgabe besteht darin, in einer visuellen Abstraktion einer mathematischen Formel, die von ihrer Ästhetik ein wenig an ein Computerspiel erinnert, Würfel an die richtige Stelle einzufügen ohne das gesamte Theoriegebäude einstürzen zu lassen. Auf diese Art soll er das namensgebende „Zero Theorem“ lösen, eine Art Weltformel, die das Ende des Universums vorherzusagen verspricht.

Auf dem Weg zur Lösung dieser Gleichung begegnet Qohen auf einer After Work Party neben dem Leiter der Firma, der nur als Management vorgestellt wird (Matt Damon), der verführerisch wirkenden Bainsley (Mélanie Thierry) sowie dem intelligenten Bastler Bob (Lucas Hedges), die ihn nach anfänglichen Differenzen bei seiner Aufgabe unterstützen. Zwischen den Dreien entspinnt sich ein interessantes Beziehungsgeflecht.

 

Rezension

Kurzum: Dieser abgedrehte, verrückte, visuell an manchen Stellen doch ein wenig anstrengende Film, schafft es, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Er funktioniert auf ganz verschiedenen Ebenen, neben der interessanten Charakterzeichnung von Qohen gibt es da die Beziehungen der Protagonisten untereinander oder den Entwurf einer Gesellschaft, die keinen Stillstand, keine Ruhe zu dulden scheint.

Beginnen wir mit Qohen. Der ohne Zweifel hochbegabte Mathematiker wohnt in einer alten, von Kerzenleuchtern erhellten Kirche, welche sein ganz persönliches Refugium in der lauten, unnachgiebigen Welt zu sein scheint. Er ist stark introvertiert, genießt seine Ruhe, meidet Aufregung wo er kann, wirkt insgesamt mit seiner dunklen, auf Unauffälligkeit bedachten Kleidung inmitten einer Welt, die von Farben und Lichtern nur so überladen ist, ziemlich fehl am Platze, ja stets ein wenig überfordert mit den vielen äußeren Reizen, die auf ihn einprasseln, sobald er das Haus verlässt.

Qohen spricht niemals in der ersten Person Singular von sich, sondern stets in der Zweiten, aus „Ich“ wird „Wir“ und der Zuschauer fragt sich bis zuletzt, wer denn der geheimnisvolle Andere ist, dem Qohen anscheinend in seinem Geist Zuflucht bietet. Christoph Waltz spielt diesen verschroben wirkenden Charakter in einer noch seltsamer wirkenden Welt einfach nur großartig, hierfür ein großes Kompliment.

Die Zivilisation in diesem Film scheint verrückt geworden zu sein, scheint nach rastloser Aktivität, nach grellen Farben, nach Parties und gehetzter, oberflächlich-hedonistischer Lebensfreude nur so zu schreien. Großartig inszeniert scheint die Tür der Kirche, in der Qohen wohnt, eine Pforte zu sein, ein Übergang der Ruhe in die gehetzte Aktivität. Ist diese geschlossen, ist es im Innenraum von Qohens Heim still, ruhig, es breitet sich durch die hohen Decken und aufgestellten Kerzen eine äußerst entspannte Atmosphäre aus. Wird die Tür allerdings geöffnet, dringen die Stimmen hunderter Menschen, der Lärm der Autos, die ganze Stadt unnachgiebig in den großen Raum hinein.

Die Arbeitsbedingungen, unter denen Qohen zunächst seine Aufgaben ausführen muss, muten schrecklich an. Erzwungenes Multitasking, ständiger Lärm, viele Menschen die ihn rücksichtslos bei seiner Arbeit unterbrechen. Gerade als ebenfalls eher introvertierter Zuschauer steigt mit jeder Minute die innere Nervosität, wenn man gezwungen ist sich in diese Umgebung hineinzudenken.

Die attraktive Bainsley stellt den Gegenpol zu Qohen dar. Ist Letzterer nachdenklich, introvertiert und tiefgründig, strahlt sie eine geradezu kindlich-naive Offenheit gegenüber ihren Mitmenschen aus. Dieser große Gegensatz macht ihrer Beider Beziehung hochinteressant und bietet viel Raum für eine spannende Charakterentwicklung, welche der Film auch ausnutzt.

Daneben bleibt der intelligent-erfinderische Bob, der nach kurzer anfänglicher Skepsis beginnt Qohen zu unterstützen fast ein wenig blass, wenngleich nicht weniger sympathisch.

Die Alpträume der Leere, des düsteren schwarzen Lochs, die den Protagonisten des Nachts aus dem Schlaf hochschrecken lassen, sind kraftvoll inszeniert und visuell beeindruckend. Es lässt sich sowohl als Metapher der vielen Ängste verstehen, die Qohen mit der Zeit entwickelt hat, als auch im Rahmen der Big Crunch-Hypothese als tatsächlich mögliches Ende des Universums und damit des menschlichen Lebens und der Zivilisation.

Übrigens auch erwähnenswert, dass eine herrlich überdrehte Tilda Swinton in Form einer Psychotherapeuten-Software – ja, richtig gelesen, menschliche Psychotherapeuten scheinen in dieser seltsamen Zukunftsvision obsolet zu sein – in The Zero Theorem auftritt.

Einzig das Ende ist unverständlich kurz und wirkt konstruiert. Besonders das Ende nach dem Ende – und wer den Film gesehen hat weiß sicher, was ich meine – weist doch eine ziemliche logische Lücke auf. Alles in Allem halte ich dies aber als einziges Manko in Anbetracht des großartig entworfenen Protagonisten und der wunderbaren Gesellschaftskritik für verschmerzbar.

Man fragt sich den gesamten Film über, wer hier eigentlich verrückt ist: Der brilliante, introvertierte Qohen, oder die Welt vor der Tür seiner Kirche, die sich anscheinend keinerlei Rast erlauben möchte. Und man fragt sich, ob man nicht doch den Einen oder Anderen metaphorischen, kritische Querverweis bei der Sichtung des Films übersehen hat, gerade in Bezug auf das alles verschlingende schwarze Loch oder der seltsam anmutenden Selbstbezeichnung Qohens als „Wir“. Eine Zweitsichtung schadet auf jeden Fall nicht.

Insgesamt ein großartiger Film, der durch seinen Protagonisten, die zum Nachdenken anregende Geschichte und vor allem dem Entwurf seiner Welt 8 von 10 Punkten verdient. Den leichten Abzug in der Gesamtwertung macht das seltsam konstruiert wirkende Ende aus, das allerdings dem Gesamterlebnis keinen Abbruch tut.

 

Weiterführende Links

Eine Erklärung der „Big Crunch“-Hypothese im RaumZeitWeb

Kritik von VERfilmt & ZERlesen

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