Es – Stephen King – Buchkritik

es-king

 

Einleitende Worte

Meine zweite Rezension im Rahmen dieses Blogs und schon mache ich mir Sorgen, mich weit, sehr weit aus dem Fenster der allgemein akzeptierten Meinungen zu lehnen. Aber nun ja, im Untertitel steht bereits die Subjektivität als Zustand festgeschrieben, weshalb ich mich nicht scheuen möchte, meine Meinung zu Stephen Kings Roman ES kundzutun. Manchmal muss man wohl gegen den Strom schwimmen, um nicht von ihm mitgerissen zu werden.

1986 auf deutsch erschienen ist ES von Stephen King wohl einer der bekanntesten Romane des Horror-Genres. 1990 bereits einmal verfilmt, soll dieses Jahr eine Neuverfilmung folgen, welche mich motiviert hat, mir das Buch endlich einmal durchzulesen. Viele Kritiker sind sich einig, dass der Roman zum Besten der Horror-Literatur gehört, was je veröffentlicht wurde. Ich habe dies anders empfunden und ich möchte im Folgenden gern ausführen, warum.

Trotzdem fühle ich mich bemüßigt zu sagen, dass ich das Genre der Horror-Literatur und auch Stephen King durchaus schätze. Neben Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“ ist der „Dunkle Turm“ von Stephen King eines der Bücher, bzw. Buchreihen, welche einen ganz besonderen Platz in der Horror-Ecke meines Bücherregals innehaben.

Gerade Lovecrafts Konzeption des „Cosmic Horror“ ist reizvoll, der Abgrund, den die Idee bietet, dass wir als menschliche Wesen allein in einem kalten, düsteren Universum leben, nur weil wir zu unbedeutend sind von mächtigen, kosmischen Wesenheiten auf einen Schlag ausgelöscht zu werden, spielt äußerst elegant mit der menschlichen Urangst der Einsamkeit, mit der Angst vor dem Unbekannten und Unheimlichen, mit der Angst vor dem Wahnsinn als Solchem. Vor der gewaltigen Leere des Alls Angst zu haben ist nur natürlich. Bei etwas Alltäglichem wie Clowns ist es wohl wesentlich differenzierter.

Handlungszusammenfassung

Die Handlung von ES in einigen Sätzen zusammenzufassen ist schwer. Es geht um die sieben Freunde Bill, Mike, Ben, Beverly, Richie, Eddie und Stan, die gemeinsam ihre Kindheit im Örtchen Derry in Maine verbracht haben und alle ihre eigenen Schwierigkeiten bewältigen mussten – diese reichen von Stottern über einen gewalttätigen Vater bis hin zu Hypochondrie und Fettleibigkeit. Die Sieben schließen sich zusammen und gründen den „Club der Verlierer“, verbringen viel Zeit miteinander in einer Gegend von Derry, die „Barrens“ genannt wird und recht dschungelähnlich daherkommt.

Schnitt. Viele Jahre später kehren die „Verlierer“, mittlerweile viel eher erfolgreiche Gewinner der Lotterie des Lebens, zurück nach Derry, weil eine seltsame Mordserie wieder begonnen hat. Die Erinnerungen der sechs – einer von ihnen nimmt sich aufgrund der Schrecklichkeit der Ereignisse vor der Reise das Leben – kommen langsam zurück, wie ein Schleier der sich Stück für Stück lüftet, so lang sie sich in Derry befinden. Die sechs müssen es, wie schon in ihrer Kindheit, mit einer übernatürlichen Wesenheit aufnehmen, die es vor allem auf die Emotionen von Kindern abgesehen hat. Mit der Zeit verschwimmt die Grenze zwischen Kindheit und erwachsen sein immer mehr.

Nun denn, das in aller Kürze, auch wenn eine zwei Absätze lange Zusammenfassung niemals einem 1500-seitigen Roman gerecht werden kann.

Rezension

Die Kindheit wird im Nachhinein von uns Erwachsenen gern verklärt, sehnsüchtig wird sich zurückerinnert an alte Freunde und alte Feinde und an die Einfachheit des Lebens. Der Fokus des Buches liegt auf ebendem, auf der Kindheit der Protagonisten. Im Grunde handelt es sich um einen Entwicklungsroman mit Horror-Elementen. Und genau das macht es so schwierig, das Buch in seiner Gesamtheit positiv zu beurteilen.

Das Kindheit nicht immer auch Einfachheit und Geborgenheit bedeutet, zeigt Stephen Kings ES ganz großartig. Das Kindheit Phantasie und Sorglosigkeit im Angesicht größter Gefahren bedeutet, ebenso. Allerdings fehlt dem Erwachsenen, der diesen Roman liest, die Identifikationsfigur, gerade wenn der Leser in seiner Kindheit nicht mit seinen persönlichen Verlierern durch seine persönlichen „Barrens“ gestreift ist oder von anderen Kindern verprügelt wurde. So fällt es dem geneigten Leser äußerst schwer, eine Verbindung aufzubauen, obwohl die Charakterzeichnung der einzelnen Figuren ohne Frage handwerklich hervorragend ist. Sie verhalten sich allesamt nachvollziehbar und doch ist es so schwer, ihre Emotionen zu verstehen.

Neben der großartigen Charakterzeichnung gelingt King sprachlich etwas ganz Besonderes, denn die Übergänge der Erzählung von den kindlichen Charakteren zu den Erwachsenen sind so elegant miteinander und ineinander verwoben, dass man sich häufiger fragt, wann die geschilderte Handlung nun zeitlich stattfindet. Auch die Handlungen und Emotionen der sich entspinnenden Liebesgeschichte der Erwachsenen bleiben nachvollziehbar und gut gezeichnet. Die psychologischen Beweggründe der einzelnen Charaktere sind beeindruckend fein entworfen und erzählt.

Als Entwicklungsroman also, selbst wenn als Erwachsener Leser die Identifikation mit den Kindern schwer fällt, ein wirklich gut geschriebenes Buch. Aber Leser, welche sich der Geschichte unter der Prämisse nähern, einen Horrorroman zu lesen, dürften eher enttäuscht sein.

Clowns sind zwar per sé nicht unbedingt besonders lustig, aber als großer Antagonist eines Horror-Romans taugen sie wohl doch nur bedingt. Genauso wie der ebenso im Buch beschriebene große Vogel oder die gewaltige Spinne. Viel interessanter waren dann doch die Querverweise, die zu den zahlreichen anderen Romanen Kings gezogen wurden. Leider kamen diese erst am Ende wirklich zum tragen. Außerdem stellt sich schon die Frage, was genau ausgerechnet sieben Kinder einer Kleinstadt so besonders macht, dass sie das große Böse, den großen Gegenspieler des Schöpfers der Welt, besiegen können.

Daneben sind es die vielen Details, die beim Lesen ermüden. Um eine dichte Atmosphäre zu erzeugen muss nicht die gesamte Stadt Derry mit all ihren Einwohnern, die fast allesamt ein äußerst langweiliges Tagwerk zu vollbringen scheinen, in Gänze beschrieben werden. Leider tut King genau dies, die Abschweifungen tragen nicht dazu bei, in die Geschichte einzutauchen, sondern vielmehr sich als Leser ständig zu fragen, wie viel Relevantes sich im gänzlich Irrelevanten versteckt.

Während Kings Magnum Opus „Der dunkle Turm“ die Waage genau im absolut ausgewogenen Verhältnis von Detailinformationen und Geschichte ausbalanciert, verliert sich ES im dunklen, schmodderigen Matsch der Details wie die Protagonisten sich im Matsch der „Barrens“ verlieren.

Der nächste Punkt sind die fehlenden Regeln, nach denen der große Antagonist, „Es“, besiegt werden kann. Brandon Sanderson sagte einmal, dass ein jedes Magiesystem auf Regeln basieren muss um einigermaßen glaubwürdig zu sein, denn sonst würde die Geschichte jeden Reiz verlieren und die Ziele der Protagonisten werden nicht deutlich, das Mitfiebern fällt weg. King entwirft leider keine solchen Regeln, mal kann „Es“ durch „Stimmen“ besiegt werden, die Richie beherrscht, mal durch Bills eisernen Willen, mal durch bloßes Werfen von Steinen. So fällt es äußerst schwer, den Kämpfen innerhalb der Handlung mit Spannung entgegen zu sehen, denn es ist unklar, was die Protagonisten erreichen müssen, um „Es“ endgültig zu besiegen.

Kommen wir zum Fazit: Als Entwicklungsroman und mit Blick auf die feine Zeichnung der Charaktere ist ES durchaus ein gut gelungenes Buch, weil King es versteht, tief in die Psyche der Protagonisten einzutauchen und ihre Emotionen und Handlungen für den Leser verständlich darzustellen. Im Rahmen der Horror-Literatur halte ich den Roman aber für durchaus ziemlich enttäuschend, denn erstens stören die vielen Details beim Lesen, zweitens sind die Regeln, nach denen der Kampf zwischen Gut und Böse verläuft dem Leser bis zum Ende unklar und drittens ist der Antagonist einfach nicht überzeugend genug.

Somit bleibt mir für „Es“ von Stephen King trotz der allgemeinen Euphorie nur eine mittelmäßige Wertung von 5 von 10 Punkten zu vergeben.

5 Gedanken zu “Es – Stephen King – Buchkritik

  1. Hallo Philipp,
    eine sehr schöne, ausgewogen Rezension, die alle Seiten beleuchtet und klar zeigt, warum es dir nicht gefallen hat. Ich komme auf deine Besprechung zurück, wenn ich mit dem Buch durch bin.
    Gruß
    Marc

    Gefällt mir

      1. Hallo Philipp,

        nun komme ich auf deine Besprechung auch mal zurück.
        Deine Punkte, warum ES dir nicht gefallen hat, sind für mich immer noch nachvollziehbar und kann sie verstehen. Für mich fallen eigentlich fast alle Punkte unter den Tisch, da ich es mir schon seit einiger Zeit abgewöhnt habe, King als Horror schreiber abzustempeln. Damit lässt sich ES auch viel besser lesen, da man nicht auf den Horror wartet und auch die Nebenplots lassen sich dadurch besser genießen, auch wenn sie vielmals ohne Relevanz sind.
        Bei einen Punkt in deinen Ausführungen bin ich aber hängen geblieben: die fehlenden Regeln! Das Fehlen würde ich an dieser Stelle so interpretieren, dass wir durch King nur in eine beobachtende Rolle schlüpfen und denselben Wissensstand wie die Verlierer haben. Woher wollen die also wissen, wie das funktioniert? Das lässt einen in meinen Augen unglaublichen Raum für Interpretationen. Ist es die Überwindung der Angst, die die Kinder stark macht? Ihre Verbundenheit? Vieles ist möglich und lässt somit jeden einzelnen stark werden. Die angeführten Beispiele (Stans Asthmaspray Richies Stimme), die ES den Garaus machen, sehe ich als wahrgewordene Phantasie der Kinder und auch der Erwachsenen, weil sie ihre Ängste überwunden haben und somit ES besiegen können. Das Aufstellen der Regeln dafür wird dem Leser überlassen. Und den Verlierern ist es egal, denn besiegt ist besiegt.

        Würde mich freueb, wenn du bei meiner Besprechung noch vorbei schaust.

        https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2017/09/08/rezension-leserunde-stephen-king-es/

        Gruß
        Marc

        Gefällt mir

  2. Pingback: „Es“ – Neuer Trailer – Nerd-Feuilleton

  3. Lieber Philipp,

    ich finde es gar nicht so schlimm sich mit seiner Meinung etwas von der Mehrheit abzuheben – ganz im Gegenteil! Jeder hat ein eigenes Empfinden und ich finde, dass du deine Meinung gut nachvollziehbar in einer sehr gelungenen Rezension geschildert hast. Wirklich toll! 🙂

    „ES“ gehört bei mir zu den Büchern, die ich schon immer gerne lesen möchte, mich dann aber doch nicht herantraue, wenn ich davorstehe. Vielleicht ändert sich das durch deine Rezension.

    Ich lasse ganz liebe Grüße da
    Natascha.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s