Die drei Sonnen – Cixin Liu – Buchkritik

dreisonnen

Vorn auf dem Buchdeckel der deutschen Ausgabe, herausgegeben von Heyne im Jahr 2017, prangen verheißungsvolle Versprechungen. Hugo Award und Galaxy Award stehen dort über dem Titel „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu. Links darunter ein roter Aufkleber, welcher den Roman als Spiegel Beststeller ausweist. Viel ist geschrieben worden über die ungewöhnliche Geschichte, die meisten Kritiker waren sich einig, dass es sich um ein ganz besonderes Buch handelt. Hohe Erwartungen waren hier Programm.

Bevor es nun zur Sache geht und ich meine Meinung hier niederschreiben möchte, noch ein kurzer Hinweis meinerseits: Ich bin großer Fan diverser Science-Fiction-Romane, insbesondere Dan Simmons, Isaac Asimov und Andreas Eschbach haben es mir mit ihren groß angelegten Space Operas angetan. Insofern bin ich im Rahmen westlicher Science-Fiction sozialisiert und kann den Roman von Cixin Liu aus diesem Grunde auch nur in diesem Kontext beurteilen. Die Situation der Science-Fiction-Literatur in China ist mir insofern leider fremd.

Nun denn, das Wichtigste zuerst: Konnte „Die drei Sonnen“ meine in die Höhe geschraubten Erwartungen erfüllen? Hohe Erwartungen machen leider häufiger Probleme, denn sie sorgen dafür, dass ein wirklich gut geschriebenes Buch subjektiv durchaus negativer beurteilt werden kann als es objektiv gesehen ist. Ich fürchte, bei „Die drei Sonnen“ ist mir genau dies passiert. Subjektiv würde ich also sagen: „Etwas schade, Erwartungen nicht erfüllt“. Der Versuch einer schwer zu erreichenden Objektivität zwingt mich allerdings zu schreiben: Auch wenn Cixin Liu es bisher noch nicht in meinen persönlichen Pantheon genialer Science-Fiction-Autoren geschafft hat, ist ihm trotz einiger Schwächen ein gutes Buch gelungen.

Aber gehen wir ins Detail. Worum geht es überhaupt? Das Buch spielt in zwei Zeitlinien, welche sich im Laufe der Handlung miteinander verweben. Im revolutionären China des Jahres 1967 erlebt Ye Wenjie als Astrophysikerin auf einer SETI-ähnlichen Station einige Abenteuer, die mich im Wesentlichen doch stark an Carl Sagans „Contact“ erinnert haben. Insofern finde ich die Story als Solche in dieser Zeitlinie vom Grad ihrer Neuartigkeit eher weniger gelungen, allerdings hat mir persönlich die Charakterzeichnung von Ye Wenjie sehr gut gefallen, sie trifft nämlich im Laufe der Handlung moralisch äußerst fragwürdige Entscheidungen und bleibt eher „grau“.

Parallel macht Professor Wang Miao, Forscher im Bereich der Nanotechnologie, gemeinsam mit dem pragmatisch denkenden aber nichtsdestotrotz intelligenten Streifenpolizisten Shih Quiang in der nahen Zukunft, einige beunruhigende Entdeckungen, vor allem in Verbindung mit einem sehr aufwändig entwickelten, „Three Body“ genannten, Computerspiel.

Stellt sich bei diesen beiden doch recht unzusammenhängend wirkenden Handlungseinheiten die Frage nach dem zentralen Motiv, dem Kern, der Botschaft des Romans. Es fällt mir schwer, hier nur einen Punkt herauszudestillieren. Die Motive sind: Ein großer Verrat an der Menschheit, die Wissenschaft als deren Retterin sowie technologisch überlegene Außerirdische, welche zwar als Antipoden auftreten, deren Motive moralisch aber vor allem durch die besondere Erfahrung, die das „Three Body“ genannte Computerspiel bietet, durchaus verständlich werden.

Cixin Liu hat hier viel versucht und ihm ist einiges davon sehr gut gelungen. Die Handlung in der nahen Zukunft rund um Wang Miao ist ein solider Thriller mit teils politischen Verwicklungen. Auch der raubeinige Shih Quiang wächst einem mit der Zeit ans Herz. Ye Wenjie ist ein großartig gezeichneter Charakter, hochintelligent, in ihren moralischen Empfindungen komplex und im großen und Ganzen eine Figur, an deren Entscheidungen man sich aufreiben kann, die Stoff zum Nachdenken gibt.

Auch das „Three Body“ genannte Computerspiel ist eine wunderbare Idee und eine charamante Lösung, die Motive von Außerirdischen menschlich verständlich zu machen. Wie gern ich wirklich einmal die VR-Brille aufsetzen und „Three Body“ spielen würde um mit Galileo und Newton gemeinsam zu versuchen, die Himmelsmechanik einer fremden Welt zu ergründen. Ja, „Three Body“ ist in meinen Augen das Meisterstück, das Cixin Liu gelungen ist.

Neben diesen wirklich gut gelungenen Aspekten gibt es allerdings auch einige weniger überzeugende Punkte. Da wären zunächst die Außerirdischen, deren Motive zwar gut nähergebracht werden, deren gesamte Gesellschaft aber komplett unterentwickelt erscheint. Es werden alle Klischees einer oberflächlichen gesellschaftspolitischen Entwicklung erfüllt, die der Science Fiction so oft vorgeworfen werden: Es gibt einen Herrscher, welcher allein und ohne irgendeine Form von Gewaltenteilung Entscheidungen für alle Individuen der Spezies trifft. Die Außerirdischen werden als gesammelte Einheit dargestellt ohne die geringste Form von Widerstand gegen die Gewaltherrschaft. Das Lebensrecht von Individuen wird geknüpft an deren Erfolg im Kollektiv. Nur drei Beispiele, welche im Laufe der Lektüre doch sehr ins Auge springen.

Eine Spezies, die im Laufe von Millionen Jahren tausende verschiedene Zivilisationen hervorgebracht hat, deren Wissenschaft und Technologie uns so überlegen ist, dass sie 11-dimensionale Protonen in die dritte Dimension transformieren und ihnen eine künstliche Intelligenz einhauchen können, wird – schon allein aus logistischen Gründen – nicht im Stile des Sonnenkönigs Ludwig XVI regiert werden. Es scheint als seien die gesellschaftlichen Fortschritte der Außerirdischen kaum vorhanden, wogegen die technologischen Mauern trotz schwierigster Bedingungen mit der Zeit nur so im Staub zerfielen. Aber die Entwicklung von Wirtschaft und Technologie sind auch immer an doe Fortschritte der Gesellschaft geknüpft, weshalb die Außerirdischen mich in „Die drei Sonnen“ am Wenigsten überzeugen.

Ein zweiter Schwachpunkt der Handlung sind die politischen Verwicklungen dreier verschiedener Lager, welche im Laufe der Handlung in den Fokus treten. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber hier nutzt der Autor bei Weitem nicht das gesamte Potential der Ausgangssituation aus. Es handelt sich um ein kurzes Intermezzo, welches übermäßig schnell gelöst wird, mehr nicht.

Alles in Allem handelt es sich bei „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu um einen durchaus gut gelungen Roman mit einer wunderbaren Ausgangsidee und einer guten Charakterentwicklung, besonders in der Figur Ye Wenjie. Auf der anderen Seite werden allerdings einige Potenziale nicht bis zum Ende ausgereizt und gerade die Darstellung der Aliens bleibt recht flach. Allerdings folgen ja noch zwei Bände, was durchaus die Möglichkeit einer weiteren Ausarbeitung der Alien-Zivilisation und ausführlicherer Beschreibungen bietet.

Die obligatorische Punktewertung darf natürlich nicht fehlen und da das Buch bis auf die oben aufgeführten Schwächen durchaus gut gelungen ist, vergebe ich hier gute 7 von 10 Punkten und bin äußerst gespannt auf den Nachfolger „der dunkle Wald“, welcher mit einem avisierten (deutschen) Erscheinungstermin am 11. Juni 2018 wohl noch ein wenig auf sich warten lässt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s